Vor dem WM-Achtelfinale am Montag gegen Algerien redet Experte Paul Breitner in der AZ Klartext. „Deutschland kann noch zwei Gänge hochschalten“, glaubt er – und sagt, welcher Gegner als einziger gefährlich wird.

München - Paul Breitner, der Ex-Bayern-Profi (62), machte von 1971 bis 1982 insgesamt 48 Länderspiele (10 Tore). 1974 wurde er mit Deutschland Weltmeister.

AZ: Herr Breitner, am Montag trifft die deutsche Nationalelf im WM-Achtelfinale in Porto Alegre auf Algerien. Und was passiert? Natürlich warnen die Experten: Oh, oh, oh, Algerien. Zu viel des Understatements?

PAUL BREITNER: Dieses Duckmäuserische, dieses Sichkleinmachen, das kann ich nicht leiden. Wir hatten ja eine Hammergruppe! Wenn ich das schon höre – das tut mir weh.

Nein, stopp. Todesgruppe! (ironisch)

Ich muss immer wieder den Kopf schütteln, wenn jemand vor Malta, Tadschikistan oder den Fidschi Inseln gewarnt hat. Weil: Dort ist ja der Ball auch rund. Das ist so eine typisch deutsche Eigenschaft, um nicht ansatzweise großkotzig dazustehen. Natürlich muss man Respekt vor dem Gegner haben, aber man sollte doch sachlich, nüchtern, positiv bleiben.

Und realistisch. Also Algerien? 1962 verloren, 1982 verloren. Da sage ich jetzt mal: Oh, oh, oh!

Es heißt immer, die vermeintlich Kleinen sind stärker geworden. Blödsinn. Die Großen sind schwächer geworden. Es gilt vor dem Spiel zu sagen: Leute, bleibt’s vernünftig! Der Franz hatte schon recht. Die Lösung muss sein: Geht’s naus und spuit’s Fuaßboi! Ich wurde beim FC Bayern so erzogen: Ich bin ich. Mia san mia. Vielleicht zu zehn Prozent haben wir gesagt: Gegen wen spielen wir? Können die irgendwas Besonderes? Ansonsten sollen sich die nach uns richten. Sonst könnten wir ja gleich zu Hause bleiben.

Bundestrainer Joachim Löw muss ja warnen. Ist sein Job.

Ja. Aber im Grunde hat er die angenehme Aufgabe, einfach den Schwung mitzunehmen, wie es die Österreicher beim Skifahren sagen. Den Schwung, den ihm seine Bundesliga-Kollegen aus der Saison heraus mit- und vorgegeben haben. Und dann das Turnier genießen.

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Bis ins Finale? Ich sage nicht: oh la la, die Franzosen im Viertelfinale! Um Gottes Willen, dann die Brasilianer im Halbfinale.

Wenn die deutsche Mannschaft ihren Weg geht, wird sie Weltmeister. Da ist noch reichlich Steigerungspotenzial drin, sie können noch zwei Gänge hochschalten.

Löw muss sich gegen Algerien entscheiden: Kommt Khedira wieder in die Mannschaft? Muss Schweinsteiger wieder raus?

Bei einer WM geht es nicht um Einzelschicksale, das erledigt sich immer von alleine. Die Stärke unserer Mannschaft war und ist doch immer, dass sie als Team Erfolg haben wollen. So erkläre ich den Begriff Turniermannschaft. Und die Elf, die zu Beginn eines Turnieres gespielt hat, war noch nie diejenige, die am Ende gespielt hat.

Okay, gehen wir die restlichen Konkurrenten schnell durch. Frankreich?

Hat nicht die Qualität, die es mal hatte. Schon gar nicht ohne Franck Ribéry.

Was ist mit Gastgeber Brasilien, dem möglichen Halbfinalgegner der DFB-Elf?

Die spielen wie vor 10, 20 Jahren. Ohne Pepp, ohne Esprit, ohne Intuition, ohne Geschwindigkeit. Man hat ja gesehen, wie knapp sie im Achtelfinale gegen Chile weitergekommen sind. Erst durchs Elfmeterschießen.

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Und Argentinien?

Moment, nicht Argentinien. Einzig und allein Lionel Messi, mehr ist da nicht.

Womit wir wieder bei den Teams mit One-Man-Show wären.

Eben. Bei den Deutschen gibt es keinen Cristiano Ronaldo oder Suarez aus Uruguay, die sich nur profilieren wollen. Aber diese Spieler machen ihre Mannschaften kaputt, weil sie glauben, es ginge nur um sie, es ginge nur darum, selbst der King zu werden. Das funktioniert nicht.

Dann wäre da noch Holland.

Die Holländer sind für mich die Überflieger dieser WM, der positive Ausreißer nach oben. Aber sie sind von Arjen Robben abhängig. Wenn er die Holländer mindestens ins Halbfinale trägt, wird er der Superstar dieser WM. Aber außer Holland und Deutschland ist doch nichts da, ich sehe sonst niemanden.