Neuruppin - Der Ruppiner See ist eine besondere Perle unter den brandenburgischen Gewässern. Von der Seepromenade in Neuruppin schweift der Blick über das Wasser, das sich zu kleinen Wellen kräuselt, zu üppig grünen Ufern. Möwen ziehen ihre Kreise, hier und da blitzt ein weißes Segel auf: Es ist wie ein Stück Meer inmitten der lieblichen Hügellandschaft der Ruppiner Schweiz.

Kein Wunder, dass sich die meisten Besucher gar nicht wegbewegen wollen. Jedenfalls finden nur die wenigsten den Weg in den Tempelgarten, der sich in den Wallanlagen versteckt und bei näherem Hinsehen als gartenhistorisches Kleinod ersten Ranges entpuppt. Hinter dem maurischen Eingangstor ducken sich Putten und barocke Sandsteinfiguren unter altehrwürdigen Bäumen. Hier ein Bacchus, dort ein Satyr, und mittendrin der freundliche Apollo-Tempel.

„Kaum minder als der ,Dienst’ beschäftigte ihn die Verschönerung der Stadt"

Wie ist diese exotische Mischung nur in die preußische Musterstadt gekommen? „Urheber war Friedrich der Große, der sich hier gärtnerisch betätigte“, weiß Günter Rieger, auf Preußen spezialisierter Verleger, der sich seit langem mit dem Monarchen beschäftigt. „Als 20-jähriger Regimentschef wurde er nach Neuruppin beordert, und damit begann für ihn eine völlig neue, unbeschwerte Zeit.“ Fernab vom preußischen Hof konnte er sich frei bewegen und die traumatischen Erlebnisse mit seinem Vater vergessen. Der hatte bekanntlich nach Friedrichs gescheitertem Fluchtversuch dessen besten Freund Katte vor seinen Augen hinrichten und den ungehorsamen Sohn eineinhalb Jahre in der Oder-Festung von Küstrin schmachten lassen.
Nach der Aussöhnung erhielt der Kronprinz dann im April 1732 ein Infanterieregiment, das nach Neuruppin verlegt wurde. „Kaum minder als der ,Dienst’ beschäftigte ihn die Verschönerung der Stadt. Dass Ruppin bis diesen Augenblick sich seines ,Walls’ eines prächtigen, mit schönen und zum Teil sehr alten Bäumen bepflanzten Promenadenweges erfreut, ist des Kronprinzen Verdienst“, konstatierte schon Fontane in seinen „Wanderungen“.

Den Garten weihte Friedrich Amalthea, der griechischen Göttin mit dem Füllhorn, die für Überfluss steht, und pflanzte allerlei exotische Früchte an. „Den 25. geh ich wieder nach ,Amalthea’, meinem Garten in Ruppin. Ich brenne vor Ungeduld, meinen Wein, meine Kirschen und Melonen zu sehen“, notierte er 1739. Kirschen wachsen hier jetzt keine mehr, aber der Apollo-Tempel von Wenzeslaus von Knobelsdorff, ein Rundbau mit acht Säulen, gibt frisch renoviert ein hübsches Fotomotiv ab.

Die kulinarischen Vorlieben des Monarchen lässt indes das Café Tempelgarten in einer orientalisch angehauchten Villa wieder aufleben. Käsesuppe à la Suisse mit Porree, Spanferkel an saurem Kohl mit Ananas und gebackene Plinsen mit Schattenmorellen - so sieht das Menü aus, das hier anlässlich von Friedrichs 300. Geburtstags serviert wird. Natürlich begegnet man dem Jubilar auch im benachbarten Museum. Zu den bedeutendsten Exponaten gehört das Porträtmedaillon, das Friedrich seiner Lieblingsschwester Wilhelmine schenkte. „Es ist das erste Porträt, das ihn im Relief zeigt“, meint Museumsleiter Hansjörg Albrecht.

An die musischen Zeiten erinnern heute das Schlosstheater

Wenn der angehende Regent in Neuruppin fern vom gestrengen Vater unbeschwerte Stunden verbrachte, dann erst recht im etwa dreißig Kilometer entfernten Rheinsberg. Auf einem seiner Reitausflüge hatte er dort die einstige Renaissanceanlage entdeckt und dem Vater das nötige Geld für dessen Erwerb abgetrotzt. „Er überlistete ihn offensichtlich mit dem Argument, dass er eine standesgemäße Unterkunft brauche, um mit seiner Gemahlin Elisabeth Christine Nachkommen zu zeugen“, schmunzelt Friedrich-Spezialist Rieger. Die blieben bekanntermaßen aus.
Stattdessen machte der Schöngeist aus dem dortigen Schloss einen eleganten Musenhof, der noch vor Sanssouci den Auftakt zum friderizianischen Rokoko darstellt. Hier betätigte er sich von 1736 bis 1740 als Dichter, Philosoph und Musiker. Er gab sich dem Flötenspiel hin, komponierte, entwickelte Gedanken, die für seine spätere Staatsführung tragend waren - und ließ es sich gut gehen. „Unser Treiben ist höchst frivol“, schrieb er später. „Wir tanzen bis zur Atemlosigkeit, essen bis zum Platzen.“ An die musischen Zeiten erinnern heute das Schlosstheater und die Musikakademie Schloss Rheinsberg mit allerlei Konzerten, die im Zeichen des runden Geburtstags des Königs stehen.

Ganz andere Facetten des Alten Fritz stellt demgegenüber das Brandenburg-Preußen-Museum Wustrau heraus. Es bietet sich als letzte Station der Spurensuche im Ruppiner Land an - um über Friedrichs Regierungszeit Resümee zu ziehen. Vom Bankier und Historiker Ehrhardt Bödecker initiiert, sollen Porträts, Klassenbücher, Schautafeln und viele andere Exponate zeigen, warum Preußen lange Zeit führend in Sachen Bildung, Wissenschaft, Recht und Verwaltung war. „Das war maßgeblich das Verdienst Friedrichs des Großen“, ist Bödecker überzeugt und ehrt ihn zurzeit mit der Ausstellung „Friedrich der Große als praktischer Aufklärer“.

Nach dem Museumsbesuch sollte man das adrette Dorf am Ruppiner See auf keinen Fall verlassen, ohne dem liebenswerten Café Constance einen Besuch abzustatten. Auch hier werden einige von Friedrichs Leibgerichten gereicht. Auf den von ihm favorisierten Senf zum Kaffee - er liebte Scharfes und betrachtete es als Vorbeugung gegen Schlaganfälle - werden die meisten wohl verzichten wollen!