Hamburg - Selbst ein weit gereister Profigolfer wie Tiger Woods dürfte sich wohl die Augen reiben: Einen Verein wie den Golfclub St. Pauli hat er vermutlich noch nicht zu Gesicht bekommen. Hier ist zusammengewachsen, was bisher nicht zusammengehörte in dieser seither doch eher konservativ geprägten Sportart: Mittlerweile 2000 Mitglieder schwören auf das Konzept, das frischen Wind in die Szene bringt: Spaß haben, zusammen feiern, Bier trinken - und natürlich golfen. Hanjo Nehl, 44, Bankkaufmann, Rechts­anwalt und Agenturinhaber aus Hamburg, hat den Club im April 2006 gemeinsam mit Konstantin Mirliauntas, 45, Ex-Bundesliga-Rugby-Spieler bei St. Pauli und Reiseveranstalter, sowie Andreas „AC“ Clausen, 47, ehemaliger Morgenshow-Moderator von Alster Radio, ins Leben gerufen. Vorbild war, ganz klar, der FC St. Pauli, der ja auch irgendwie anders ist als andere Fußballvereine in Deutschland.

„Golfspieler sind manchmal griesgrämig“

Golfer und Fußballer sind freundschaftlich verbunden, gehören aber nicht zusammen. „Golfspieler sind manchmal griesgrämig“, hatte Nehl festgestellt. Schlechte Laune oder vornehme Zurückhaltung kennt man beim Golfclub St. Pauli nicht: Golfen rockt! Das findet auch Alt-Rocker Alice Cooper, illustres Ehrenmitglied des Vereins. Das stetig wachsende Interesse am Vereinsleben - etwa 250 bis 400 Neumitglieder kommen pro Jahr dazu - begründet sich sicherlich auch in der Art und Weise, wie sich die St.Pauli-Golfer präsentieren. „Wir sind so etwas wie eine golfende Community“, erklärt Hanjo Nehl. 55 Euro kostet der Jahresmitgliedsbeitrag, Voraussetzung für eine Aufnahme ist ein Mindestalter von 18 Jahren sowie die Mitgliedschaft in einem regulären Golfclub. Die Website ist optisch wie technisch auf dem neuesten Stand und mit allerlei Spielereien und umfangreichen Bildergalerien ausgestattet. Kommuniziert wird hauptsächlich über E-Mail und Facebook. Im Online-Vereinsshop kann man beispielsweise Golfklamotten für „echte Golf-Rocker“ wie eine schwarze „Rock’n’Roll-Softshell-Jacke“ erwerben, verziert mit Totenkopf und Skeletten. Eine Hommage an - richtig geraten - Alice Cooper.

Aber es gibt dort auch „Champauli“ zu kaufen, den Club-Schampus des GC St. Pauli, ein Rosé-Champagner, brut, versteht sich. Oder eine Driverhaube (Schutzabdeckung für Golfschläger), die so angepriesen wird: „Die Magnethaube passt sich dem Schlägerkopf perfekt an und bietet im oberen Schlägerkopfbereich noch Stauraum für Tees, Pitchgabeln und, wenn’s sein muss, auch für Kondome von der Reeperbahn.“ Aha. Nun ja, wenn’s sein muss . . . Alles in allem verkörpert der Verein eine ebenso unkonventionelle wie explosive Mischung an Menschen und Angeboten. Kein Wunder, dass die Club-Aktivitäten in den Anfangszeiten kritisch, aber auch mit Wohlwollen vom Hamburger Golfverband mitverfolgt wurden. Nehl, lange Haare und in lässigem Outfit: „Die dachten offenbar zuerst, dass sich hier die Luden vom Kiez zusammengetan haben.“ Nun, im „sexy sechsten Jahr“ ist der Verein vitaler denn je. Für die kommende Saison gibt es bereits wieder viele Ideen. Dass der Club über keinen eigenen Golfplatz verfügt, ist indessen eher Segen denn Fluch: Abschlag ist immer dort, wo sich maximal gute sportliche Bedingungen mit maximalem Amüsierfaktor verbinden lassen.

„Wir sind inzwischen an der Obergrenze des Machbaren angelangt“

Die Turniere, zehn bis zwölf pro Jahr, tragen so verheißungsvolle Namen wie „Sex on the Green“ oder „Kölle Ahoi - St. Pauli Alaaf“. Nehl: „Da konnte man zum Beispiel einen Chefarzt in Mönchskutte spielen sehen.“ Gewonnen hat aber ein Herr im Hoppelhasenkostüm - das war übrigens im August. Im Ausland darf auch schon mal ein bisschen Haut gezeigt werden. „Nackt und tätowiert“ (auf den Oberkörper beschränkt) wurde etwa beim Turnier im spanischen La Manga-Golfclub gegolft, „no t-shirts, no jeans“ lautete der Dresscode, stattdessen „bunt und bedruckt“. Binnen Stunden seien solche Events ausgebucht, an denen jeweils zwischen 100 und 250 Mitglieder teilnehmen können. „Wir sind inzwischen an der Obergrenze des Machbaren angelangt“, seufzt „Kiez-Kapitän Kosta“ Mirliauntas. Eine wichtige Rolle bei den Ausflügen spielt seit 2011 auch „Le Truck“. Dabei handelt es sich um einen 14 Meter langen Sattelzug-Auflieger, den der Verein 2010 mit Hilfe von Sponsorengeldern in marodem Zustand gekauft und nach eigenen Vorstellungen hat aufmöbeln und grundlegend umbauen lassen. Bei Bedarf stellen die Sponsoren dann eine Zugmaschine samt Fahrer zur Verfügung. Das „mobilste Clubheim der Welt“, wie der Verein stolz auf seiner Website verkündet, hat alles, was eines St-Pauli-Golfers Herz begehrt: eine Astra-Bierzapfanlage, eine ausfahrbare Bühne mit DJ-Pult (aus Bierkästen), ein Kino, eine Wendeltreppe, die auf die begehbare Dachterrasse führt. „Le Truck“, ganz in dramatischem Schwarz gehalten, mit dem die Truppe auch schon bis in die Dolomiten gekommen ist, ist auch bei der Touristikmesse CMT in Stuttgart zu bestaunen. Denn dort macht der Club Werbung in eigener Sache. Und zeigt sich seinen Fans.

„Wir haben viele Mitglieder aus der Stuttgarter Gegend“, berichtet Hanjo Nehl, „und im September spielen wir ein Turnier in Bad Liebenzell.“ „Wir tragen den Golfclub in unseren Herzen“, bringt Hanjo Nehl die Erfolgsphilosophie des Vereins auf den Punkt, „hier wird die Freude am Golfsport ausdauernd gelebt.“ Das glaubt man ihm aufs Wort. Noch ein Hinweis für die Griesgrämigen unter den Golfsportlern: Man kann beim Golfclub St. Pauli Mitglied werden, man muss es aber nicht . . .

CMT, Sonderausstellung Golf (17. bis 20. Januar), Halle 9, Stand H12, www.golfclub-stpauli.de