Alte Stühle bekommen ein neues Bommelkleid. Körbe, Vasen und Schalen entstehen aus dicker Wolle – und wer Socken stricken kann, lässt sich inspirieren von der Leuchte „Käte” als Bausatz

Berlin - Vor gut zehn Jahren nahm die neue Lust am Stricken ihren Anfang – angefeuert durch Prominente wie Sarah Jessica Parker, Julia Roberts und Madonna. Von trendbewussten Handarbeiterinnen ins Leben gerufene Initiativen in New York, Paris und Berlin scharen seitdem immer mehr Fans um sich, die sich zum kollektiven Stricken treffen. Das gipfelt darin, dass nicht nur Pullover und Pulswärmer von den Nadeln rutschen, sondern plötzlich sogar Telefonzellen, Laternenpfähle und Bäume eingestrickt werden. „Guerilla Knitting” nennt sich der Trend und soll die Stadt verschönern. Es scheint, als ob diese unkonventionelle Art der bunt-anarchischen Fröhlichkeit nun auch Möbeldesigner angesteckt hat.
Diese hatten in den letzten Jahren noch viel mit Hightech-Materialien und sehr glatten Oberflächen experimentiert, in diesem Jahr sieht man von Möbelmesse zu Möbelmesse mehr Strickwaren. „Ich habe als Kind das Stricken von meiner Mutter gelernt und habe es von Zeit zu Zeit immer wieder gemacht”, sagt Liene Jakobsone vom Designbüro Sampling. „Aber jetzt habe ich es das erste Mal für die Gestaltung meines Stuhles ’Cushhh’ eingesetzt.” Die lettische Designerin bietet ihr minimalistisches Sitzmöbel aus Eichenholz mit Kissen aus gestrickter Wolle und gehäkeltem Leinen an. „Das erinnert mich an die mollige Wärme und Behaglichkeit der von meiner Oma selbst gemachten Dinge.”
Genau darin liegt der Trend: Gemütlichkeit entsteht nicht in durchgestylten Wohnungen, sondern ein Zuhause definiert sich darüber, dass verschiedenartige Möbel und Accessoires aus unterschiedlichen Materialien aufeinandertreffen und als Ganzes einen sehr persönlichen Stil ergeben.
Diese Individualität schätzt auch Myra Klose mit ihrem Label MYK. In ihrem Berliner Atelier entwickelt sie Unikate komplett in Handarbeit, wobei ihr Designteam von Landfrauen, einer Filzgestalterin und einem Tischler unterstützt wird. Dieser bereitet handverlesene Vintage-Stühle auf, die dann von MYK ein neues Kleid aus Bommeln bekommen. „Nachdem ich jahrelang als Modedesignerin gearbeitet habe und dann meiner zweiten Leidenschaft, dem Interieurdesign, nachgehen wollte, entstand der Gedanke, beides zu fusionieren”, sagt Myra Klose. „Die Wollbommeln schienen mir ein perfektes Accessoire, um aus ihnen Teppiche oder eine kleine Softskulptur wie den Rosenpouf zu formen.” Um ökologische oder soziale Aspekte geht es den Gestalterinnen von hettler.tüllmann. Die Berlinerinnen haben mit „Paper Planet” eine Sitzmöbel-Kollektion mit Sitzflächen im Stricklook entworfen – aus recyceltem Papier. „Bei jedem neuen Projekt beachten wir vor allem den Aspekt der Nachhaltigkeit”, sagen Jula Tüllmann und Katja Hettler.
„Papier eignet sich hervorragend für unsere Sessel, denn einmal geschnitten, gefaltet, gezwirbelt und gestrickt bekommt es eine sehr stabile, ja robuste Struktur.” Die brasilianische Designerin Nicole Tomazi hat mit ihrem Stuhl „Judith” einen Entwurf zu der sogenannten Granny-Kollektion von WA.DE.BE aus Paris beigesteuert. Die Stahlstruktur mit Holzsitz ist mit einem groben, elastischen Seil aus recycelten Stoffen umstrickt.
Diese Arbeit führen „Grannys” – zu Deutsch Omas aus. Frauen gehobenen Alters in Paris, die nicht genügend Geld zum Leben haben, beschreibt es Gerard Wantz, Mitinhaber der Firma. „Die Grannys mögen es, denn sie können zu Hause arbeiten. Für einen Stuhl verstricken sie in fünf Stunden 300 Meter Seil, und dafür bekommen sie 50 Euro.”
Pierre Kracht und Katrin Füser vom Dortmunder Designbüro Fremdform treiben die Strickidee in gestalterischer Hinsicht auf die Spitze: Sie bieten eine Art Teppich an, ein grob gestricktes Etwas aus einem schwarzen Verlängerungskabel, bei dem die Technik zum Gestaltungselement wird und gleichermaßen Funktionsträger bleibt.
Ihre Leuchte „Käte” bieten sie nicht nur fertig, sondern ambitionierten Strickern sogar als Bausatz an – Erfahrung vom Sockenstricken ist hier hilfreich.
Die Hamburgerin Jutta Werner vom Designbüro „Nomad” war eine der ersten, die die Symbiose von Wohndesign und Handarbeit in Angriff nahm. Seit einigen Jahren – inspiriert durch den Handarbeitsunterricht ihrer Söhne – häkelt sie Körbe, Vasen und Schalen aus dicker Wolle mit den Fingern. Manche von den „Nubi” genannten Objekten haben als stabilisierendes Innenleben eine feste Kunstharzschale. Auf einigen Modellen findet sich eine Zeichnung oder ein Gedicht des Berliner Künstlers Pedda Borowski.
Mehr als 50 Stück soll es von keinem der Entwürfe geben. „Ich möchte lieber nicht im großen Stil produzieren, sondern alles kleiner und persönlicher belassen”, sagt die Inhaberin von Nomad Design.
Und damit trifft sie den Nerv der Zeit: Jedes Möbel, jede Vase und jedes Bild gibt es mittlerweile tausendfach, so dass der Wunsch nach Individualität beim Verbraucher wächst. Objekte, in denen sich die Grenzen zwischen Design, Kunst und Handwerk verwischen, erzählen Geschichten und wecken Emotionen. Und jede handgestrickte Masche ist selbstverständlich einmalig.