Der Flaneur ärgert sich über beheizte Straßencafés in der Kälte des Winters

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Am vergangenen Sonntag habe ich bei einem Spaziergang an der Isar noch einen echten splitternackten Menschen erspäht. Keine Abhärtungsheldentat, es war warm in der Sonne. Der knackige FKK-Rentner sah aber Ende November doch etwas kurios aus, asozial irgendwie, deplatziert, desorientiert. Ein Zugvogel, der den Abflug verpasst hat. Den Anblick als lächerlich zu bezeichnen, wäre zu gemein, aber grenzwertig war das schon.

Jetzt liegt Schnee, und es dürfte auch für diesen Unverdrossenen erst einmal Schluss sein mit dem unverhüllten Herumliegen. Nun beginnt die Saison der Leute, die auch bei kaltem Dreckswetter ihr Nachmittagsfrühstück im Café draußen auf der Straße einnehmen, eine Mode, die vor allem seit dem Rauchverbot in Kneipen stark zugenommen hat, der aber auch Nichtraucher frönen.

Diese Gäste sitzen in bester Laune unter so genannten Heizpilzen und sehen so aus, als wollten sie wie Lebenskünstler aussehen, die der Jahrezeit ein Schnippchen schlagen. Wenn es früh dunkel wird und die alkoholischen Getränke das Frühstück ablösen, lodern lagerfeuerhaft ein paar Gasfackeln und die unerschrockenen Outdoorfans wickeln sich wohlig in bereitliegende Decken.

Diese Lagerfeuerromantik kann ich nicht recht nachvollziehen. Gerade, wenn es draußen ungemütlich wird, ist der warme Gastraum doch eine besonders angenehme Zufluchtsstätte. Das Ignorieren der Kälte mit Hilfe von heizbaren Rettungsschirmen kommt mir weniger heroisch als daneben vor.

Ein Abenteuerspiel, das man schulterzuckend toleriert. Bin ich zu tolerant? Gestern ging ich an einem Straßencafé mit genüsslich getränkeschlürfenden, heiter verhüllten und infrarot bestrahlten Gestalten vorbei. Vor mir eine Grantlerin, die das alternative gastronomische Treiben ungnädig zur Kenntnis nahm und zornig vor sich hin schimpfte: Es wird von nichts anderem als von Nachhaltigkeit und Wärmedämmung gequatscht, die Strom- und Gaskosten explodieren, alle sollen oder müssen sparen, und hier wird Energie in die Luft gejagt, damit ein paar Schickimickis sich toll vorkommen können. Sie dreht zu Hause die Heizung herunter und zieht einen zweiten Pullover über, und hier wird lustig spaßgefröstelt.

Weil Hausbesitzer nicht als raffgierige Haie, sondern als Umweltfreunde dastehen und obendrein Vergünstigungen kassieren wollen, nennen sie ihre Umbauten nicht Luxussanierung. Das klingt so grausam kapitalistisch. Nein, die Umbauten sind aus ökologischen Gründen nötig. Ein Beitrag zur Senkung des Emissionsausstoßes. Leider kann den Mietern eine Erhöhung der Miete nicht erspart bleiben. Weil eben gespart werden muss. Und dann dieser elende Schmarrn: beheizte Straßencafés!