Der Flaneur hat einen Vorschlag für die nächste ARD-Themenwoche

Gerade ist die angeblich tabubrechende ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“ zu Ende gegangen. Den zahllosen Beiträgen konnte keiner entrinnen. Eine Themenwoche „Pfand“ wäre ebenso denkbar, denn das Pfand gehört nicht nur zur Flasche, sondern wie der Tod zum Leben, und das schon seit der Antike.

Anzeige

In unzähligen Romanzen streifen glühende Verehrer ihren Mädchen Ringe über die zierlichen Finger. Wenn derart vertrauensselig ein Pfand der Liebe gegeben und entgegengenommen wird, dann muss auch Vertrauen enttäuscht werden. Versprechen werden nicht gehalten, Schwüre gebrochen. Wo Pfand ist, dort ist Betrug nicht weit. Selten geht es so edel aus wie in Friedrich Schillers „Bürgschaft“, wo der erfolglose Tyrannenmörder seinen besten Freund „dem König zum Pfande“ überlässt, und die dramatische Geschichte nach einigen Aufregungen mit einem tränenseligen Sieg des Guten endet.

Meist geht es weniger romantisch zu, wenn Pfand im Spiel ist. Dostojewskis Raskolnikow erschlägt die Pfandleiherin mit dem Hackebeil. Das ganze Banken- und Kreditwesen beruht auf einem Pfandsystem, auf dem Inaussichtstellen von Sicherheiten. Wenn sich die als wertlos herausstellen, kommt es zu Staatspleiten, Schuldenkrise und Börsenkrächen.

Zurück zur Flasche. Das Pfandsystem beschert nicht nur ehrsamen Flaschensammlern ein bescheidenes Zubrot, es verleitet gewitztere Zeitgenossen auch zum Pfandflaschenbetrug. Ziemlich kurios, womit gerissene Rentner ihre kargen Bezüge aufzubessern versuchen. Immer wieder werden Personen geschnappt, die mit gefälschten Flaschen den Automaten zu überlisten versuchen. Bei Hausdurchsuchungen entdeckt die Polizei armselige Behausungen, in denen sich Tausende von Flaschen stapeln, deren ungültiger Strichcode mit einem kopierten gültigen überklebt werden soll. 4000 Plastikflaschen bringen 1000 Euro. Ein mühsames Geschäft.

Vorschlag: eine Flasche wiegt 20 Gramm, 4000 wiegen 80 Kilo. Kann man gerade noch tragen. Eine imposante Last. Ein gewaltiges Paket. Wohin damit? Ins Museum natürlich.

Ein unter einem Gehirntumor leidender Künstler, war einem der Beiträge der ARD-Todesthemenwoche zu entnehmen, plant, im Museum sein Sterbezimmer einzurichten und sein Finale als Kunst zur Schau zu stellen. Noch ist kein Museum dazu bereit. Er will seinen letzten Willen nicht als Geschmacklosigkeit verstanden wissen, sondern als Denkanstoß.

Ein solcher wäre auch ein hübsch verschnürter 2-Kubikmeterwürfel mit 4000 Flaschen, auf dem Rücken des emsigen Sammlers selbst keuchend ins Museum geschleppt. Wenn das keine kritische Kunst ist! Ein hochästhetisches Mahnmal, das uns aufrüttelt, eine wahrhaft soziale Plastik im Sinne von Beuys, die uns vor Augen führt, wie klein der Mensch ist und die Frage stellt, ob unser Leben womöglich eine Art Leihgabe ist, und ob es nicht ziemlich plemplem ist, Mineralwasser lastwagenweise aus Frankreich und Italien zu importieren, als säßen wir hier auf dem Trockenen.