Die Fastenzeit ist angebrochen – aber der Flaneur merkt keinen Unterschied

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Diesmal habe ich gar nicht mitbekommen, dass Fasching war. Erst als im Supermarkt die Krapfen nicht mehr als Sonderangebot im Weg standen, ist mir klar geworden, dass der Spuk vorbei ist. Waren nicht früher mehr Leute kostümiert zu irgendwelchen Bällen unterwegs und haben einem die angeblich närrischen Tage vor Augen geführt? In jeder Straßenbahn saß immer ein trauriges Ritter- oder Vampir-Pärchen und schaute so unlustig vor sich hin, dass einem als Faschingsmuffel das Erbarmen überkam oder wie man heute pompöser sagt: die große Empathie.

War man mit dem Auto unterwegs, wurde man von als Wegelagerer schlecht und recht verkleideten Schulkindern aufgehalten, mit Pistolen bedroht und mal dreist und mal verlegen genötigt eine Münze springen zu lassen. Ist mir in diesem Jahr auch nicht passiert. War es zu kalt für die kleinen Memmen? Waren die Einnahmen nicht lohnend oder die Zwangsmautverweigerer zu grimmig? Oder haben die guten europäischen Eltern angesichts des tödlichen Ballerns in Amerika ihren Kleinen die Spielzeugwaffen weggenommen?

Ist da eine Tradition am Abebben oder bin ich nur durch Straßen gefahren, wo zufällig keine kleinen Geier die Autofahrer abkassierten? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich das Spielchen mit dem Wegzoll lustig oder lästig finden soll. Ist es besser oder blöder als wenn die Kids ihre Machtgelüste bei Computerspielen austoben? Keine Ahnung. Zeichnet sich hier im Kindesalter schon eine erfreuliche Geschäftstüchtigkeit ab oder eher ein perfide Kriminalität? Und vor allem weiß ich nicht: ist Geschäftstüchtigkeit nicht immer auch kriminell?

Fragen, Fragen und keine Antwort. Ich fühle mich solidarisch mit Erwin Pelzig, der mit Spießerhut und Herrenhandtasche eine Ausnahme unter den Kabarettisten ist, den man deswegen aber nicht das geistlose Schnelletikett „Ausnahmekabarettist“ anheften sollte. Er gab sich in seiner letzten Sendung angesichts der Meinungsvielfalt ratlos und bat das Publikum, abzustimmen, was von der FDP, vom Papstrücktritt und von Udes Kandidatur zu halten sei.

Kann ich hier als Autor nicht. Ich bin mit meinen Faschingsfragen allein und weiß nicht, wie mehrheitsfähig meine Beobachtungen sind. Einen kostbaren Satz von Pelzig will ich noch festhalten, weil der im Fernsehen unbeachtet weggerutscht ist: Die Kirche hat nicht verdient, dass man sie hasst, es reicht völlig, wenn sie einem gleichgültig ist. Danke! Ein kluger Tipp zur Meinungsbildung – nicht auf alles anwendbar, aber auf Billiglasagne, Doktorhüte und Narrenkappen.