„Am Reichstag aufhängen!“ „Vergasen!“ „Erschlagen!“ Im Internet instrumentalisieren Rechtsradikale die Debatte um das Denkmal und bedrohen Katharina Schulze und Sepp Dürr  

München - Nancy P. aus Artern-Unstrut in Thüringen lehnt Körperpflegeprodukte ab, weil sie giftig seien, sammelt Kristalle, hört Xavier Naidoo und möchte Katharina Schulze tot sehen. Am Galgen. Ein Foto des Stricks hat sie auf Facebook gepostet. Unter den Kommentar von Stefan F., der die Grünen „am Reichstag einer neben dem anderen aufhängen“ lassen will.

Die beiden gehören zu hunderten Rechtsradikalen, die den Streit um das Trümmerfrauen-Denkmal am Münchner Marstallplatz (AZ berichtete) für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Eine Plattform ist eine Facebook-Gruppe, die erst vor wenigen Tagen gegründet wurde und bereits über 16.000 Mitglieder hat.

Dabei fing die Seite ganz harmlos an, mit sachlichem Protest gegen die Verhüllungs-Aktion der Grünen, die auch unter vielen AZ-Lesern für Missfallen sorgte.

Dann, im Laufe des Wochenendes, änderte sich der Charakter der Seite. Die NPD rief dazu auf, der Gruppe beizutreten. Die Mitglieder folgten in Scharen.

Der Administrator, wohl kein Rechter, ist mit den inzwischen weit über 100.000 Kommentaren schlichtweg überfordert. Seine Appelle, „kein nationalsozialistisches Gedankengut“ zu posten, verhallen ungehört.

Längst regiert der rechte Mob die Gruppe.

„Entsorgt die Grünen!“, fordert einer. Und Matthias B. hat eine Idee, wo: „In Auschwitz?“ Michael H. aus Dortmund postet dazu ein Bild von Adolf Hitler, auf dem in Großbuchstaben „VERGASEN!“ steht. Ramona M. aus Westerholt, die einen Reichsadler mit der Aufschrift „Germania“ als Profilbild verwendet, und zahlreichen weiteren Facebook-Usern gefällt das.

„Erschlagt alle Grünen!“

Aufrufe zur Gewalt gibt es fast im Minutentakt: „Tötet Sepp Dürr!!!“, schreibt Detlef D. aus Kleinwerther in Thüringen. „Erschlagt alle Grünen.“

Ein User namens „Olaf JamFlex“ aus Schwelm ergänzt: „Geht rein in die Geschäftsstellen der Grünen und macht das, wozu euch gerade zu Mute ist.“ Daniel L. aus Zwickau hat genaue Vorstellungen: „An die Wand und Feuer.“

In Berlin kam es bereits zu einem Zwischenfall vor einer Geschäftsstelle der Partei. Die Aktivisten beließen es bei einem Schmähplakat.

Dem blonden Dominik Krause von der Grünen Jugend, dem zugute gehalten wird, dass er wenigstens „arisch“ aussehe, wird von Sabine M. aus Greifswald in einer Fotomontage zusammengeschlagen abgebildet.

„Den Volkstod stoppen“

Längst geht es nicht mehr nur um das Trümmerfrauen-Denkmal, sondern um den Zweiten Weltkrieg: An dem sei das Deutsche Reich nun wirklich nicht schuld, findet Sebastian K., der „den Volkstod stoppen“ will.

Immerhin: Ein bisschen Widerstand gibt es in der Gruppe: „Schade, dass das gute Ansinnen von Neofaschisten okkupiert wurde“, schreibt Marc M. „Eure Altvorderen sind doch Schuld an diesem Dilemma!“ Beifall erhält er dafür nicht.

Die Grünen-Politiker verfolgen den Internet-Mob geschockt. Da auch ihre Büro- und Handynummern gepostet wurden, gehen sie nicht mehr ran, wenn die Rufnummer unterdrückt ist.

„Die Morddrohungen und die rechte Hetze erschüttern mich“, sagt Katharina Schulze, die das Denkmal nicht richtig findet, weil es in München laut den Forschungen des Stadtarchivs so gut wie keine Trümmerfrauen gegeben hat.

„Ich bin bestürzt, dass eine sachliche Debatte um Erinnerungskultur nicht mehr möglich ist, weil die Nazis das Thema für sich benutzen und gegen Menschen hetzen.“

Hinweis der Redaktion: Aufgrund der Flut an unsachlichen und strafrechtlich relevanten Kommentaren im Zusammenhang mit diesem Thema ist die Kommentarfunktion bei diesem Beitrag deaktiviert. Wir bitten um Verständnis.