Hier erklärt Stadtbaurätin Elisabeth Merk, womit sie unzufrieden ist und was sie sich für Münchens Neubau-Projekte wünscht. Warum sie die Architektur-Schelte trotzdem ungerecht findet

AZ: Frau Merk, Neubauten in München sind oft nur eins: langweilig und mutlos. Sind Sie mit der architektonischen Qualität neuer Projekte in München zufrieden?

ELISABETH MERK: Nein, ich würde mir architektonisch mehr Vielfalt wünschen. Ich glaube, da spreche ich auch vielen der Kritiker aus dem Herzen. Das betrifft vor allem eine höhere Qualität bei den Materialien. Sie tragen stark dazu bei, wie man Architektur wahrnimmt. Der größte Unterschied zwischen Neubauten und dem, was wir in der gewachsenen Stadt sehen, ist die Material-Vielfalt – also zum Beispiel Natursteine, Stuckreliefs oder Keramikplatten. Das macht, selbst wenn die Häuser relativ einförmig sind, die Architektur reich. Dagegen ist heute eine starke Verarmung der Materialien zu beobachten. Der Zwang zur Energieeffizienz und der Kostendruck führen dazu, dass die Fassaden sehr, sehr eintönig werden.

Man hat den Eindruck, es geht bei Neubau-Projekten vor allem um die Rendite.

Natürlich ist die Rendite ein wichtiger Faktor, da will ich gar nicht widersprechen. Aber was die Neubauten teuer macht, ist der Bodenpreis - und weniger die Gestalt. Das treibt mich um. Wir brauchen eine differenzierte Architekturdebatte, wo wir auch mal über die Entstehungs-Bedingungen der Gebäude reden. Ich muss sagen: Ausdrücke wie „Triumph der Schuhschachtel“ und „Käfighaltung“, wie sie in der AZ zu lesen waren, finde ich schon ziemlich banal und pauschal.

Aber Sie haben gerade doch selber die Eintönigkeit von Neubauten bedauert!

Ich sage das aber nicht pauschal. Auf so eine primitive Aussage können Sie mich nicht festnageln, sonst bräuchten wir uns hier gar nicht dazu austauschen. Es gibt durchaus auch gelungene Bauten, zum Beispiel von unseren städtischen Wohnungsbaugesellschaften – wie etwa die Projekte am Innsbrucker Ring. Trotzdem gefällt auch mir vieles nicht. Da bin ich jetzt nicht weit entfernt vom Bürger. Ich verstehe sehr gut, dass der Arnulfpark von der Architektur her nicht als positiver Beitrag wahrgenommen wird. Und ich verstehe auch, dass man den Willy-Brandt-Platz nicht als gelungenen städtischen Platz sieht – allerdings fehlen hier auch noch Gebäude.

Dann sind Sie doch einer Meinung mit der AZ-Redaktion und vieler unserer Leser.

Ich finde aber, man kann das nicht so primitiv abhandeln, wie das im ersten Artikel in der AZ gemacht worden ist. Es steht ja auch drüber „eine Polemik“ – okay, das darf man machen. Aber das ist nicht sachlich. Und ich glaube, dass man in der Debatte nicht weiterkommt mit diesen Pauschal-Verurteilungen.

Und wie kommt man weiter?

Wenn die Leute sagen würden: Wir kaufen keine Eigentumswohnung in einem 0815-Bau, sondern wir wollen auch außen bessere Materialien wie Ziegel oder Holz. Die Käufer fordern das zu wenig ein. Ein ganz großes Problem ist außerdem: Alle erwarten, dass das, was angeboten wird, auch alles kann.

Wie meinen Sie das?

Ich wünsche mir einfach mehr Prägnanz. Das heißt: Man muss sich für manche Dinge bewusst entscheiden und kann nicht sagen: Ich will überall alles. Das ist etwas, das man gesellschaftlich diskutieren muss. Es ist doch so: Jeder will einen Balkon. Und dann fotografieren Sie eine Fassade, wo jeder einen Balkon hat, und schreiben: Käfighaltung. Selbst alles haben zu wollen, aber es beim Nachbarn nicht sehen zu wollen, ist schizophren.

Nochmal zurück zu Ihrem vorherigen Punkt. Sie haben gerade gesagt, dass auch die Käufer heikler werden müssten. Aber das ist doch nicht realistisch! Der Wohnungsdruck ist so groß, dass sich für alles ein Käufer findet.

Trotzdem können die Verbraucher sich artikulieren. Dass die Bauträger sich mittelfristig darauf einstellen, zeigt doch alleine, dass vor 20 Jahren noch nicht jede Wohnung einen Balkon hatte. Aber natürlich haben Sie auch Recht: So ein angespannter Markt wie unserer führt dazu, dass der Spielraum verschwindend gering ist. Der Ansporn, etwas Innovatives zu entwickeln, fehlt bei uns im mittleren Segment oft. Ich würde mir mehr Mut wünschen bei den Bauherren. Aber ich würde mir auch mehr Mut wünschen bei den Bürgern.

Der fehlt?

Wenn man dann mal gewagte Entwürfe bei einem Wettbewerb ausstellt, stehen die Bürger davor und sagen: Das passt jetzt aber nicht in unser Viertel. Und die Bauträger sagen: Das können wir nicht verkaufen. Auch deshalb ist diese ganze Architektur-Schelte nicht gerecht. Ich persönlich finde außerdem, dass dahinter auch ein Klassendenken steht. Es leben viele Leute in Wohnungen, die vielleicht keine ästhetischen Hochstandards erfüllen, sehr gut.

Haben Sie ganz konkrete Pläne, damit öde Einheitsbauten die Stadt in Zukunft nicht weiter verschandeln?

Ein ganz konkreter Plan ist, im Rahmen der Prinz-Eugen-Kaserne die Holzbau-Architektur stark zu promoten. Das bringt eine neue Gestaltungsform, eine andere ästhetische Qualität bei hohen positiven, ökologischen und energetischen Faktoren mit sich.

Und grundsätzlich?

Grundsätzlich müssen wir für die einzelnen Stadtquartiere, die jetzt neu kommen, eine differenzierte Gestaltung der einzelnen Bauten und eine differenzierte Materialität einfordern. Aber dafür brauchen wir Rückhalt. Denn wenn daraufhin die Bauträger kommen und sagen: „Dann wird aber alles um zehn oder 20 Prozent teurer“ – dann brauche ich die Unterstützung der Politik und der Bevölkerung. Es muss klar sein, dass das auch etwas wert sein darf. Man würde ja auch nicht glauben, dass man sich ein Sofa kauft und für 100 Euro dasselbe kriegt wie für 300.

Die Frage ist doch aber, ob die Wohnkosten in Deutschlands teuerster Stadt nicht schon jetzt zu hoch sind, um den Menschen eine zusätzliche Belastung zumuten zu können.

Es ist immer auch die Frage, wie Sie rechnen. Eine Fassade aus Ziegeln oder Holz ist zunächst vielleicht teurer. Aber sie ist auch haltbarer. Ich behaupte mal, dass es auch in München geht, eine gute Gestaltung in einem sinnvollen Kostenrahmen zu schaffen.

Wie groß sind Ihre Einflussmöglichkeiten darauf?

Wir können natürlich über Wettbewerbe versuchen, eine bessere Qualität reinzubringen. Das gelingt auch an vielen Stellen. Und wir können über die Stadtgestaltungskommission zumindest einen Diskurs herbeiführen. Ich glaube, auch die Architekten müssen sich dem Dialog mit den Bürgern stellen. Unsere Öffnung der Wettbewerbsverfahren für mehr Bürgerbeteiligung geht da bewusst neue Wege.

Wettbewerbe und die Stadtgestaltungskommission gab es bisher auch. Trotzdem ist so etwas Langweiliges wie der Arnulfpark gebaut worden.

Die Weichen zum Arnulfpark sind vor meiner Zeit gestellt worden. Das Problem ist, dass wir zwar Einfluss auf die Grundparameter haben, also etwa die Frage, wie hoch etwas wird. Aber wir können die konkrete Ausführung nicht vorschreiben. Ich habe zum Beispiel im Agfapark, den ich durchaus für gelungen halte, vor Ort Termine gemacht, um zu erzwingen, dass die Fassaden besser werden. Aber das kann ich nicht dauernd machen.

Muss die Stadt die Fassadengestaltung vorher absegnen?

Sie ist schon Bestandteil der Baugenehmigung. Aber die Stadt kann zum Beispiel nicht dezidiert vorschreiben, wie genau ein Fenster auszusehen hat. Und ein Architektur-Wettbewerb oder das Votum der Stadtgestaltungskommission sind eine Empfehlung. Das ist noch kein Garant, dass das 1:1 umgesetzt wird.