Das Festival Spielart hat begonnen Was im Kopf herumspukt

Lola Arias "Minefield". Foto: Tristram Kenton

Herbe Hirnschäden und gemeinsame Therapie: „An Atypical Brain Damage“ und „Minefield“ zum Start des 12. Spielart-Festivals

Wie ernst doch viele der Ankündigungstexte im Spielart-Magazin klingen. Ja, auf Südafrika und Süd(ost)- asien konzentriert sich das internationale Performance-Festival. Fragen der Geschichtsschreibung, postkoloniale Identitäten, Machtstrukturen ergründen die Künstler in ihren Arbeiten, was nach pädagogisch wertvollem Unterricht für das Münchner Publikum klingt und horizonterweiternd.
Dann steht man in der Muffathalle vor einem Podest, wo ein Mann im Glitzeranzug eine Rede hält, während ein Kollege im Vogelkostüm ihm die Hose runterzieht und mit dem Pappschnabel am raushängenden Gemächt herumknabbert: Vogelwilder Wahnsinn – auch das ist Theater!
Und wer Performancekünstler in Asien oder anderswo ist, der muss wohl ein wenig spinnen angesichts einer globalisierten Welt, in der Ungerechtigkeit, Konsum- und Markenterror, Mord und Totschlag herrschen. „An Atypical Brain Damage“ nennt sich die Performance-Installation, mit der Tianzhuo Chen aus Peking und sein Team in der Muffathalle zum Festivaleinstieg gastierten. Als Zuschauer darf man zunächst gemütlich durch den Raum flanieren und sich allerlei Absonderlichkeiten anschauen: in der Mitte, mächtig, ein weiß-roter, innen vernebelter BMW, um den ein Tänzer nackt mit scharfem Gebiss und Skelett-Schwanz im Butoh-Modus scharwenzelt. An den Rändern, unter anderem: ein Holzhaus mit leuchtendem Apple-Zeichen, zwei aufgebahrte Männer im Neonlicht, an der Bar eine Band mit einer weißgesichtigen Pantomimin.
Sie alle treten bald in Aktion, die Aufmerksamkeit wird per Licht- und wummerndem Beat-Einsatz gelenkt, wobei der Blick sich entscheiden muss: Da fängt die Frau im Apple-Holzhaus an, ihre weißen Hemdchen am Waschbrett zu schrubben, während quer auf der anderen Seite ein Metzgerstyp die beiden Leichen mit blutigem Wasser reinigt.
Analogien stellen sich her, die Dinge hängen unheimlich zusammen: Die Apple-Frau malträtiert den später gliedknabbernde Freiheitsvogel heftig mit dem Messer, auf der anderen Seite liegen die Leichen-Jungs, die zuvor mit Maschinengewehren auf dem Boden gerobbt sind, in trauter Eintracht reglos da. Und zwischendurch singen sie Karaoke im BMW.
Kapieren muss man das nicht unbedingt. Die Sinne werden überflutet, manches bleibt hängen, zum Beispiel der Satz auf der Soundspur, dass der Künstler weiß: Alles, was er macht, wird automatisch politisch sein.
Die Marken und Klischees prägen sich ein, die Pantomimin verzweifelt, bis sich der titelgebende Dachschaden, von dem in Ich-Erzählung berichtet wird, auch beim Zuschauen einstellt. Insofern ist die Vermittlung geglückt.
Dass Chen auf eine Kritik des Konsumterrors und der damit verbundenen Identitätskrise, abzielt und dabei auch trashigen Spaß verbreiten will, drückt sich aufs Auge und Ohr. Aber wer erschöpft ist, dessen Hirn ist am Ende nicht voller Gedanken, sondern total leer.
Wesentlich nachhaltiger werden die lädierten grauen Zellen von „Minefield“ der Argentinierin Lola Arias im Carl-Orff-Saal angeregt. Sie bringt sechs Veteranen auf die Bühne, die 1992 während des Falklandkrieges kämpften: hier zwei Briten und ein Nepalese im Einsatz für Margret Thatcher, dort drei Argentinier im Einsatz für die Militärdiktatur unter General Leopoldo Galtieri. Was sich an Bildern des Kriegseinsatzes, oft traumatisierend, eingebrannt hat, vermitteln die sechs Herren ihrem Publikum in einer klugen, punktgenau inszenierten Performance. Praktisch alles, was der Vermittlung dienen kann, kommt zum Einsatz: Modellbauten, Schlagzeugkanonaden, alte Zeitungsartikel, Fotos, und für alte Tonaufnahmen stülpt man sich eine Thatcher- respektive Galtieri-Maske über.
Lola Arias lässt die Ex-Feinde geschickt zwischen gegenseitiger Schuldzuweisung und gemeinsamer Vergangenheitsbewältigung aufeinandertreffen. David Jackson, heute Psychologe, kommt ins Therapiegespräch mit dem Triathlon-Wettkämpfer Marcelo Vallejo. Der hatte einen Hass auf die Engländer und fand im Sport ein Ventil. Auch musikalisch bilden sie eine starke Einheit: Rubén Francisco Otero, Teil einer Beatles-Cover-Band, und die anderen Veteranen spielen „Get up“ und rocken sich die Fragen, denen sie ausgesetzt sind – „Hast du jemanden getötet?“ –, von der Seele. Wenn Sukrim Rai am Ende aus seinen Aufzeichnungen in seiner Sprache vorliest, bleibt der Zugang ohne Übersetzung verwehrt. Dafür gibt es das Gefühl, dass jede Perspektive, so fremd sie einem sein mag, ihre Berechtigung und Logik hat. Mission Empathie: glänzend erfüllt.

Das weitere Spielart-Programm unter www.spielart.org

 

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