Einen Stoiber-Auftritt wie zu seinen besten Zeiten erlebten am Donnerstagabend die Zuschauer bei Maybrit Illner im ZDF. Voller Emotionalität und mit erhobener Stimme polterte der ehemalige CSU-Chef über den Umgang mit der Flüchtlingskrise – und warnte vor einem Rechtsruck in Europa.

Berlin - Am Mittwochabend war wieder einmal Stoiber-Time angesagt. In der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner diskutierte die Runde zum Thema "Koalition der Wenigen – Wer steht noch zu Merkel?" – und Bayerns ehemaliger Ministerpräsident legte einen hoch engagierten Auftritt hin.

Mit am Tisch saßen SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel, Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke, Sprecherin des UN-Flüchtlingswerk Melissa Fleming, Theologe Manfred Rekowski und Edmund Stoiber.

Wenn Talkgäste in einer TV-Runde gerne mal lospoltern, passiert das meist in der zweiten Hälfte der Sendung. Nicht so Edmund Stoiber bei Maybrit Illner am Donnerstag.

Gleich zu Beginn der Sendung stellt er klar, dass er nicht mehr hinter der Kanzlerin stehe. Ihre "Wir schaffen das"-Mentalität lässt Europa im Affenzahn Richtung Abgrund rasen. Er findet, die Haltung der Bundeskanzlerin spalte Europa immer mehr. "Wir bräuchten im Umgang mit den kleineren Ländern Europas wieder mehr Kohl!", fordert er lautstark. "So geht Europa leider drauf! Die Flüchtlingsfrage spaltet unser Land, spaltet unsere Mitte!"

Auf die Ansage Illners, er habe im Gegensatz zu vielen anderen Politikern keine Probleme mit umstrittenen Staatenlenkern wie Viktor Orban oder Wladimir Putin, wird der CSUler fuchsteufelswild: "Putin ist Teil der Lösung, deshalb muss man mit ihm reden! Brandt hat auch mit Breschnew geredet, und ist kritisiert worden!" Cicero-Chef Schwennicke merkt an dieser Stelle an, dass es damals die CSU war, die Willy Brand kritisiert hatte. Lacher im Publikum.

Stoiber, der sich gefühlt über die Hälfte der Redezeit schnappt, grantelt in bester Wutpolitiker-Manier weiter. Deutschland werde in Sachen Flüchtlingskrise schließlich "zu nationalen Maßnahmen kommen" müssen. Merkel werde keine andere Wahl haben, "weil sonst die anderen entscheiden".

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Der 74-Jährige dreht auf wie lange nicht. Es scheint ihm tatsächlich eine Herzensangelegenheit zu sein, dass Europa wieder enger zusammenrückt. Weder Illner noch ein anderer Talkgast wagt es, seine couragierten Redebeiträge zu unterbrechen. Auch dem Studiopublikum gefällt's, wie da ein überzeugter Europäer für seine Sache kämpft.

Dass Deutschland einen Löwenanteil an der weiteren Entwicklung in Europa einnimmt, sagte Stoiber auch in einem Interview mit der Welt. "Die deutsche Politik ist entscheidend für die weitere Entwicklung in Europa. Und uns darf eines auch nicht egal sein: Die derzeitige Situation in Europa führt zur Stärkung der Rechtsparteien in der EU".

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Die "Politik der offenen Grenzen" habe dazu geführt, dass der Flüchtlingszustrom nach Europa in erster Linie als deutsches Problem verstanden worden sei. In der Folge seien andere Länder nicht mehr bereit gewesen, Flüchtlinge aufzunehmen.

"Deshalb braucht es eine Kehrtwende", sagte der ehemalige bayerische Ministerpräsident. Bevor aber eine gemeinsame europäische Flüchtlingspolitik zwingend werde, müssten die EU-Staaten mit nationalen Maßnahmen auf die Flüchtlingskrise reagieren. Sowohl im Interview als auch in der Sendung bei Maybritt Illner plädierte Stoiber ganz auf CSU-Linie für nationale Obergrenzen und Transitzonen.