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Counter Music Haus der Kunst: Harun Farocki

Das Haus der Kunst. Foto: Jens Weber

Wie mühsam es sein kann, ein analoges Foto, das lügt, herzustellen, war 1983 eine überraschende Erkenntnis. Damals zeigte Harun Farocki in seinem Film "Das Bild" einen Fotografen und seine Helfer, die vier Tage lang ein Modell für den Playboy zum Playmate des Monats machen.

In der Intellektuellenszene war Farocki, der neben Chris Marker und Alexander Kluge zu den Regisseuren von Essayfilmen zählt, bereits bekannt und angesehen. Durch den Bericht über die mühsame Verwandlung eines individuellen Körpers zum fiktiven Ideal aber rückte er einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein. Zu sehen sind die filmischen Darlegungen nun in der Ausstellung "Harun Farocki: Counter Music" im Haus der Kunst, die von Okwui Enwezor und der Witwe Farockis, Antje Ehmann, kuratiert wurde.

Der 2014 verstorbene Harun Farocki hinterfragte die Bedeutung von Bildern im Hinblick auf ihre Aussagemöglichkeiten, die er zu erweitern suchte, sowie den Stellenwert des Visuellen für die Gesellschaft. "Man befragt die Bilder, um Informationen zu erlangen, und nur die Informationen, die man in Worten und Zahlen ausdrücken kann", meinte er einmal zum verbreiteten Defizit des Bildverständnisses.

Die Ausstellung beginnt bereits im Treppenhaus mit dem titelgebenden Werk "Counter Music", worin auf die durch computergesteuerte Bildverarbeitung entstehenden Bilder verwiesen wird. Diese sind nicht mehr für die Kontrolle durch das menschliche Auge und Gehirn bestimmt. Stichpunkt der aktuellen Ausstellung ist die Arbeit. "Arbeiter verlassen die Fabrik", und "Arbeiter verlassen die Fabrik in 11 Jahrzenten" zeigen durch Montage oder Vergleich, was sich alles durch eine Masse von Menschen, die durch das Fabriktor und durch Straßen gehen oder rennen, alles mitteilen und erschließen lässt.

Denn Aussage und Verstehen werden gleichermaßen überprüft. "Ein Bild wie ein Begriff, das sich in so manche Aussage fügen lässt" und gleich danach "Ein Bild wie ein Begriff, dass man es blind verstehen kann und eigentlich gar nicht anschauen soll", heißt es einmal in "Arbeiter verlassen die Fabrik". Die Filme von Harun Farocki wollen allerdings genau angesehen werden.

Immer neue Gegenüberstellungen decken Faktisches auf, etwa bei "Vergleich über ein Drittes", der Beschreibung von Arbeit anhand der Herstellung und Verbauung von Ziegelsteinen. Ebensolches gilt für die genaue Betrachtung von ansonsten hingenommenen Vorgängen, etwa den Verhandlungen bei Risikoanlagen in "Nicht ohne Risiko" oder die Manipulationen in dem schon erwähnten "Ein Bild".

Den Abschluss der Ausstellung bildet "Eine Einstellung zur Arbeit". Der doppeldeutige Titel bezeichnet eine Installation von Filmen, die Harun Farocki und Antje Ehmann gemeinsam geschaffen haben. Die ein- bis zweiminütigen Filme wurden jeweils mit einer Einstellung aufgenommen. Statische Kamera, Kameraschwenk oder Kamerafahrt standen zur Wahl. Schnitte, real oder am Schneidetisch waren nicht erlaubt.

Auf 15 Monitoren mit Filmen aus aller Welt geht es um bezahlte und unbezahlte, um materielle und immaterielle, traditionelle oder neue Arbeit wie etwa die Werbung in Hangzou für einen Kurs in Wall Street English. Echtzeit und Kontinuität des Ortes, eigentlich sehr altmodische Darstellungsmittel, sind Realität und Kommentar über die Realität zugleich.

In einem zweiten Treppenhaus beginnt die von Markus Müller kuratierte Ausstellung "Free Music Production / FMP: The Living Music". Ausgerechnet im Jahr 1968 wurde der Saxofonist Peter Brötzmann mit seiner Gruppe beim Berliner Jazzfestival wieder ausgeladen, weil er nicht garantieren konnte, dass alle Musiker im schwarzen Anzug auftreten. Dieses Ereignis sollte zur Free Music Production, einem unabhängigen, hauptsächlich auf dem Gebiet des Free Jazz agierenden Berliner Plattenlabel führen.

Zu den mit dieser zur Institution gewordenen Musikfirma verbundenen Innovationen gehören die Dokumentation von Improvisationen auf Schallplatten, die Einbeziehung afrikanischer und asiatischer Volksmusiken, die Berücksichtigung feministischer Positionen und die Verwirklichung von Projekten mit bildenden Künstlern wie Martin Kippenberger oder Autoren wie Günter Grass.

Plakate und Fotografien schaffen den Rahmen der Ausstellung, in der anhand von Originaldokumenten, Videos und Tonaufnahmen ein Stück Musikgeschichte nachzuvollziehen ist. Gleichzeitig handelt es sich hierbei um einen bedeutenden Kulturbeitrag von Berlin.
 

28.4.-17.9.17: Thomas Struth "Figure Ground”

Im Mai wird eine von Thomas Weski kuratierte Übersichtsausstellung zu Thomas Struth mit 120 Fotografien eröffnet, die unter dem Gesichtspunkt des Sozialen steht. Zu den bekannten Werkgruppen wie "Unbewusste Orte", "Familienbilder", "Museumsbilder", "Paradise" und "Audiences" kam in den letzten Jahren "Nature & Politics" hinzu.

Dabei geht es um Bilder einer von Menschen geschaffenen technischen Realität. Interessanterweise entwickelt sich hier eine Trennung von öffentlichen Bereichen und solchen, die der Allgemeinheit nicht zugänglich sind, wie etwa Forschungslabore. Auf den meisten von Struths Fotografien ist der Mensch nur indirekt anwesend. Eine Ausnahme bilden die Familienbilder. Hier wirken die Personen wie zum Stillleben arrangiert.

Die so hervorgerufene Irritation zieht den Blick in Bann. Der Titel der Ausstellung "Figure Ground" ist vieldeutig. Eine Möglichkeit des Sinns kommt aus der Gestalttherapie. Dort bedeutet der Begriff die Figur, die sich als aktueller Denk- oder Empfindungsinhalt in den Vordergrund psychischen Erlebens schiebt. Gleichzeitig ist dies eine Metapher für das Herstellen von Bildern.


Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München

Telefon 089-21127-113, mail@hausderkunst.de

www.hausderkunst.de, Mo-So 10-20, Do 10-22 Uhr

bis 28.05.2017

Free Music Production/FMP: The Living Music, 10.3.-20.8.17

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