Chorgemeinschaft Neubeuern Haydns "Schöpfung" zum 50. Geburtstag

Die Chorgemeinschaft Neubeuern bei einem Konzert. Foto: Chorgemeinschaft Neubeuern

Seit 50 Jahren leitet Enoch zu Guttenberg die Chorgemeinschaft Neubeuern. Er formte den Laienchor aus der oberbayrischen Provinz zu einem der besten Chöre Europas

Eine nüchterne Mehrzweckhalle am Fuß des Schlosses Neubeuern am Inn. In der Ecke stehen Bierkästen, gestapelte Stühle, ein Schlagzeug. An den Wänden alte Plakate. Eines kündigt Bachs Matthäus-Passion an – im berühmten Wiener Musikverein. 1997 fand dieses denkwürdige Konzert statt, ein Höhepunkt in der Geschichte der Chorgemeinschaft Neubeuern.

Ein anderes, recht verblichenes Plakat lädt zum „2. Weihnachtskonzert“ und reicht zurück ins Jahr 1968. Das war ein Jahr, nachdem Enoch zu Guttenberg den traditionsreichen Chor des Dorfes unweit von Rosenheim übernommen hatte.

„Ich habe damals im Lodenmantel dirigiert, es war saukalt“, erinnert sich der Dirigent und langjährige Spiritus rector des Ensembles, das oft als „bester Laienchor Europas“ gepriesen wird. Guttenberg probt hemdsärmelig und ganz unfreiherrlich Haydns „Schöpfung“, ein Paradestück, das die Chorgemeinschaft schon zahllose Male aufgeführt hat. Es soll zum 50-jährigen Jubiläum im Gasteig erklingen.

Gott spielt mit der Eisenbahn

Man ist an diesem föhnig-waren Herbstabend bei Takt 88 angelangt. „Verzweiflung, Wut und Schrecken begleiten ihren Sturz“, schmettert der Chor. Gemeint sind die „Höllengeister“, die „in des Abgrunds Tiefen“ entschwinden, als Gott den ersten Tag erschuf.

„Kinderlied!“, ruft Guttenberg, als sich der Charakter der Komposition ins Liebliche, Naive wendet: „Und eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort“. Weil es ihm offenbar nicht unbefangen-kindlich genug klingt, schiebt Guttenberg noch das Kommando „Elektrische Eisenbahn“ hinterher. „Denken Sie, dass der liebe Gott mit der elektrischen Eisenbahn spielt“.

Dann schlägt er ab. Aus einem Nebenraum dringen deutlich die Töne einer Blaskapelle. Ein Chormitglied sieht nach dem Rechten. Dörfliche Koordinationsprobleme.

Die Chorgemeinschaft ist, ungeachtet ihres weltweiten Ruhms, immer noch eine ziemlich ländliche Angelegenheit. Die Mehrzahl der 90 Sängerinnen und Sänger kommt aus Neubeuern oder der näheren Umgebung. Es gebe zwar, wie Chormanagerin Gertrud Dürbeck anmerkt, Bewerbungen aus ganz Deutschland. Doch weil die Chorgemeinschaft im Unterschied zu Projekt-Ensembles einmal pro Woche probt, sollte man in der Nähe wohnen. Das gilt auch für die Teilnahme am „Standerlsingen“, wenn es im Dorf etwas zu feiern gilt, eine Hochzeit oder einen Geburtstag etwa.

Auf Augenhöhe mit den Profis

Ganze Familienclans sind von Anfang an dabei, wie die Milchbäuerin Amalie Scherer, die an diesem Abend zusammen mit ihrer Tochter Christine und Enkelin Alexandra an Haydns Oratorium arbeitet. „Wir haben den Chorgesang quasi mit der Muttermilch aufgesogen“, sagt Alexandra beziehungsreich. Die bodenständige Familie muss immer herhalten, wenn Journalisten das Besondere dieses Chores herausstreichen – nach dem oft strapazierten Motto: Vom Kuhstall in die Carnegie-Hall.

Ein Urgestein ist auch Fritz Vornberger, gelernter Metzger und Gastwirt. „Der hat so eine tolle Stimme, der hätte eine Weltkarriere als Wagnertenor machen können“, umgarnt Guttenberg den Mann, dem dabei ein bisschen mulmig wird.

Vornberger macht deutlich, dass dem Chor die Klischees von der singenden Milibäuerin und dem trällernden Wirt ganz schön auf die Nerven gehen. Man will künstlerisch ernst genommen werden und sieht sich auf Augenhöhe mit Profis wie dem Chor des Bayerischen Rundfunks.

Trotzdem sind die Neubeurer anders. Ihr Klang ist geerdeter, weniger perfekt, nuancenreicher. Ideal für einen nach größtmöglicher Wahrhaftigkeit des Ausdrucks suchenden Musiker wie Guttenberg, der Bachs Passionen, Haydns Oratorien und Mozarts Messen als Seelendramen inszeniert.

Dass er und der Chor vor einem halben Jahrhundert zusammenfanden, war reiner Zufall. Guttenberg kam der Liebe wegen nach Neubeuern. Er ließ sich von örtlichen Honoratioren breit schlagen, für ein paar Jahre die 1907 gegründete Liedertafel zu leiten.

Schon beim ersten Zusammentreffen berührte ihn die Natürlichkeit der Sänger. „Was ich da hörte, erschien mir vollendet in seiner Wärme, Schönheit und Liebe, die mich fast körperlich umfing“, beschreibt Guttenberg seine damaligen Eindrücke. „Und ich fragte mich, ob ein Dirigent überhaupt in solches Singen eingreifen darf, geschweige denn es herstellen kann.“

Es dauerte nicht lange, da war aus der Liedertafel die Chorgemeinschaft Neubeuern geworden und man konzertierte nicht mehr in Kirchen und verrauchten Gemeindesälen, sondern im Gasteig, dem Amsterdamer Concertgebouw, dem Teatro Colon in Buenos Aires, der New Yorker Carnegie Hall und sogar für den bayerischen Papst im Vatikan.

Als der Kritiker einer großen Tageszeitung das Bonmot des „Wunders von Neubeuern“ prägte, kam das einem Ritterschlag gleich. Heute ist dieses Wunder sozusagen Normalität. Zuletzt heimste man in diesem Oktober mit Haydns „Jahreszeiten“ – ausnahmsweise nicht unter Guttenberg, sondern mit Kent Nagano – einhelliges Lob in der Elbphilharmonie ein.

Guttenberg dirigiert die allermeisten Proben und Konzerte selbst, Gastdirigenten sind die Ausnahme. Ein Nachfolger, der dem Charismatiker Guttenberg mit seinem Image des etablierten Außenseiters das Wasser reichen könnte, ist nicht in Sicht. Guttenberg selbst kommt dabei auf das Schicksal des Münchner Bachchores zu sprechen, der nach dem Tod von Karl Richter nie mehr an alten Ruhm anschließen konnte. „Es ist ungeheuer schwer, einen Chor, der viele Jahre auf eine bestimmte Dirigentenpersönlichkeit eingeschworen ist, umzuprägen.“

Wie es denn mit Kent Nagano gewesen sei, möchte man noch wissen. „Na ja, das war der Nagano, sagt eine Choristin und deutet auf Guttenberg, „aber das warst eben nicht Du“.

Haydns „Schöpfung“ heute, Sa., 11. November, 19.30 Uhr im Gasteig, wenige Restkarten an der Abendkasse

 

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