Bürgerentscheid zu 2022 Olympia: Das sagen die Gegner der Spiele in München

"Für München - gegen Olympia 2022" - so lautet der Slogan der Olympiagegner. Christian Hierneis und Katharina Schulze bei der Präsentation der Plakate. Foto: Loeper

"Olympia als die falsche Investition" - Hier erklären Katharina Schulze und Christian Hierneis, warum sie gegen die Winterspiele 2022 in München sind.

AZ: Sie sind beide gegen die Ausrichtung Olympischer Winterspiele 2022 in München. Was ist Ihr wichtigstes Argument dagegen?

CHRISTIAN HIERNEIS: Es gibt viel mehr als ein Argument dagegen. Aber zusammenfassend könnte man vielleicht sagen: Das „immer höher, immer schneller und immer weiter“ geht auf Kosten unserer Zukunft.

KATHARINA SCHULZE: München boomt, wir haben ein riesiges Wohnungsproblem. Für einkommensschwächere Menschen ist es hier kaum mehr bezahlbar. Deshalb ist es auch die falsche Investition in die Zukunft, ein 14-tägiges Mega-Event hinzubasteln. Olympia 1972 hat München sicher viel gebracht, aber jetzt brauchen wir kein weiteres Imageprojekt. Wir sind bekannt genug, groß genug, schön genug. Wir müssen jetzt eher in andere Dinge investieren. Sonst leben wir bald in einer Stadt, in der es nur noch nach dem Geldbeutel geht.

Die Befürworter sprechen von der „nachhaltigsten Bewerbung“ in der Geschichte Olympischer Winterspiele. Der Flächenverbrauch wäre demnach nur halb so groß wie ein Fußballfeld. Warum überzeugt Sie das nicht?

HIERNEIS: Das hieß es doch beim letzten Mal auch schon. Ob Vancouver oder Sotschi – alle werben mit den nachhaltigsten Spielen aller Zeiten. Das Wort „Nachhaltigkeit“ wird einfach missbraucht. Aber es ist doch Fakt, dass die allermeisten Sportstätten in München und den Partner-Landkreisen schon stehen.

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HIERNEIS: Es stehen lange nicht alle. Die Halfpipe am Olympiaberg, die Buckelpiste in Garmisch und vor allem die Langlauf-Loipe in Ruhpolding – das alles müsste erst noch gebaut werden.

Das sind doch aber temporäre Sportstätten, die wieder wegkämen, oder?

HIERNEIS: Temporär? Zehn Kilometer Loipen, die aufgekiest werden. Flutlichtanlagen und Schneekanonen, für die man Strom- und Wasserleitungen frostsicher im Boden vergraben muss. 7000 Parkplätze – die ganze Landschaft wird durch solche Eingriffe total verändert. In dem Boden können Landwirte sicher zehn Jahre lang nix mehr anbauen.

SCHULZE: Ganz zu schweigen von der Klimabilanz solcher Riesen-Events. Wir stecken doch schon mitten in der Klimakrise: Niemand kann garantieren, dass 2022 bei uns Schnee liegt.

Es kann doch nicht besser sein, wenn im kasachischen Almaty jede Menge neue Infrastruktur aus dem Boden gestampft wird, als auf bestehende Anlagen hier zurückzugreifen. Oder endet Ihr ökologisches Denken vor der eigenen Haustür?

HIERNEIS: Wenn wir alles, was irgendwo auf der Welt schlimmer gemacht werden würde, lieber nach Deutschland holen, wären wir schon längst am Ende. Das ist keine Lösung!

SCHULZE: Und wie gesagt: Auch bei uns ist noch nicht alles da. Allein in München müssten 2000 Bäume gefällt werden. Viele Umweltverbände haben sich aus der Bewerbung zurückgezogen, weil sie den Eindruck gewonnen haben, nur noch ein grünes Feigenblatt zu sein.

HIERNEIS: Wir brauchen Olympia in diesem Ausmaß einfach gar nicht.

Das heißt, Sie sind grundsätzlich gegen Olympische Spiele?

SCHULZE: In dieser Dimension: Ja. Verstehen Sie uns bitte nicht falsch. Wir sind keine Sporthasser. Ich habe selbst lange Handball gespielt. Natürlich ist die Grundidee von Olympia schön: Sportler aus aller Welt kommen zusammen. Aber das Ganze ist doch inzwischen eine reine Vermarktungskiste, eine Gelddruckmaschine fürs IOC. Und wir als Bevölkerung zahlen hauptsächlich. Wir sollten das Geld lieber in den Breitensport, in Vereine investieren.

Also gar kein Olympia mehr?

SCHULZE: Doch, aber kleiner und immer am selben Ort. Wenn sich niemand mehr bewerben würde, dann müsste sich das IOC ändern.

HIERNEIS: Platt gesagt: Wenn ich an einem fixen, dauerhaften Austragungsort was kaputt mache, rette ich den Rest der Welt. Dann muss das IOC nicht mehr wie die Heuschrecken um die Welt ziehen. Die Schweiz und Österreich, die größten Wintersportnationen der Welt, haben Olympische Spiele abgelehnt – per Volks- und Bürgerentscheid. Das ist doch ein Zeichen, dass da was nicht mehr stimmt.

München würde von Olympia aber auch profitieren: So bekäme es rund 1300 neue Wohnungen auf einem Gelände, das der Bund ansonsten nicht rausrückt. Ein unbestreitbarer Vorteil, oder?

SCHULZE: 1300 Wohnungen im Jahr 2022? Wir brauchen jetzt mehr Wohnungen! Olympische Winterspiele werden unser Wohnungsproblem definitiv nicht lösen. In Vancouver war das so: Nach den Spielen war die Stadt hoch verschuldet – und die Wohnungen sind zu lukrativen Luxuswohnungen umgebaut worden.

HIERNEIS: Das Gelände, auf dem die Wohnungen entstehen sollen, ist jetzt ein frei zugänglicher Park. Dort sind die letzten Buchenwaldreste innerhalb des Mittleren Rings. Gesunde Bäume müssten gefällt werden – ein Kahlschlag mitten in der Stadt. 1300 Wohnungen bringe ich überall anders auch hin.

Sie waren zuletzt auch gegen die dritte Startbahn. Wird Ihnen manchmal vorgeworfen, fortschrittfeindlich oder ein Spielverderber zu sein?

HIERNEIS: Sehr selten. Man kann das Dagegen-Sein auch genau umdrehen. Wir sind ja für den sinnvollen Umgang mit Steuergeldern, für den Erhalt der Natur, für bezahlbare Mieten. Die Olympia-Befürworter sind die eigentlichen Gegner unserer Zukunft.

SCHULZE: Es gibt immer Leute, die wütend auf einen sind. Ist ja auch okay, dann ergibt sich meistens eine interessante Debatte. Ich glaube schon, dass wir den Zeitgeist ansprechen. Was wurden wir bei der dritten Startbahn zuerst verlacht, als wir begonnen haben, Unterschriften zu sammeln! Doch dann kamen immer mehr Leute, die gesagt haben: Es reicht. Es ist gut, so wie es ist. Eben nicht immer höher, schneller, weiter.

Dann gehen Sie also optimistisch in den Bürgerentscheid?

HIERNEIS: Ja, auf mich ist noch kein Münchner zugekommen, der gesagt hat: Ich möchte Olympia, weil ich davon profitiere.

Die wenden sich halt nicht an Sie, sondern an die anderen.

SCHULZE: Also ich finde eine Prognose schwierig. Es ist ein bisschen wie bei David gegen Goliath. Ich radle an einem unserer Plakate vorbei und sehe gleich danach zehn Plakate der anderen. Die Befürworter konnten jedem Wahlberechtigten ihre Argumente mit den Wahlunterlagen ins Haus liefern. Für unsere Meinung war dort leider kein Platz. Trotzdem glaube ich: Wir können gewinnen.

Schalten Sie im Februar eigentlich ein, wenn Olympia in Sotschi läuft?

SCHULZE: Ich habe keinen Fernseher.

HIERNEIS: Das ein oder andere schaue ich mir schon an: Eishockey zum Beispiel. Da spielt ja die Mannschaft für sich – und nicht fürs IOC. Die Veranstaltung drum herum lehne ich trotzdem ab.

 

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