Textilarbeiterinnen sterben, weil Notausgänge fehlen.

DHAKA Wieder einmal eine absehbare Katastrophe: Mindestens 121 Menschen starben in einer Textilfabrik in Bangladesh. Ein Brand verwüstete am Wochenende ein siebenstöckiges Gebäudie im Industrieviertel Ashulia am Rande der Hauptstadt Dhaka. In der Fabrik wurde auch Kleidung für die Textilkette C&A produziert.

Die Fabrik sollte für C&A 220000 Sweatshirts herstellen und die Ware von Dezember 2012 bis Februar 2013 an C&A in Brasilien liefern. Verzweifelte Angehörige, wütende Lokalpolitiker und Menschenrechts-Aktivisten: Die Reaktionen auf das Drama waren erwartbar. „Unser Mitgefühl gilt den Opfern dieses furchtbaren Unglücks sowie deren Familien und Angehörigen“, sagte ein Sprecher von C&A.Der Verband der Textilhersteller und -exporteure in Bangladesch versprach den betroffenen Familien eine Entschädigung.

Tchibo, C&A, H & M, Kik – Bangladesh ist nach China der zweitgrößte Textillieferant für Europa. Das Land hat rund 4000 Textilfabriken. Durch den Verkauf von Kleidung vor allem an die USA und nach Europa nimmt Bangladesch jährlich umgerechnet rund 15,5 Milliarden Euro ein. Längst sind aus kleinen Hinterhof-Nähstuben große Manufakturen geworden. Die Unglücksfabrik in Ashulia etwa belieferte neben C&A Carrefour und Walmart sowie deutsche Unternehmen. Ihre Kapazität lag monatlich bei einer Million T-Shirts, 800 000 Polo-Shirts und 300 000 Fleecejacken.

Deutsche Einzelhändler behaupten, bei ihren Lieferanten auf soziale Mindeststandards zu achten. Zum Teil stimmt das sogar. Ware, die von Kinderhand gefertigt wurde, ist deutschen Kunden kaum zu vermitteln – deswegen lassen sich die Einkäufer beispielsweise versichern, dass keine Arbeiterin, kein Arbeiter minderjährig ist.

Ein offenes Geheimnis ist aber, dass die Lieferanten dieses und andere Verbote umgehen: Indem sie beispielsweise Baumwolle aus Usbekistan zu kaufen, die von Kinderhand geernet wurde. Reporter der „Wirtschaftswoche“ berichten von Benetton-Pullis und Rollis der Aldi-Eigenmarke Crane Kids, die ihnen in einer Textilfabrik in Bangladesh präsentiert worden sei. Auch diese Kleidung sei aus usbekischer Baumwolle gefertigt worden – unsichtbar für den Kunden, dem auf dem Kragen der Rollis das Prüfsiegel „Öko-Tex Standard 100“ des Prüfinstituts Hohenstein präsentiert werde. Immer wieder geht die Branche mit wortreichen Erklärungen und Arbeitskreisen gegen Regelverstöße vor. Mindestnormen, Sozialstandards – auf dem Papier erwarten Abnehmer von allen Lieferanten gesundheitlich, ökologisch und sozial vertretbare Ware.

Doch es hapert an der Kontrolle. Oft werden Textilfabriken nur einmal oberflächlich begutachtet, dann erhalten sie ihr Zertifikat. Unangemeldete Inspektionen unterbleiben, auch für offensichtliche Missstände interessiert sich niemand. So auch beim jüngsten Brand in Ashulia: Ein Sprecher der Fabrik Tazreen Fashion Limited beteuerte zwar, der Betrieb habe Standards der Europäischen Union eingehalten. So habe es etwa vier alternative Treppenaufgänge gegeben. Doch die Schilderungen der Feuerwehr und der Behörden zeichnen ein anderes Bild: Demnach hatten die Opfer keine Chance auf ein Überleben.

„Die Fabrik hatte drei Treppenhäuser und alle führten ins Erdgeschoss“, sagte der Feuerwehrsprecher. Dort habe der Brand aber begonnen, so dass es für die Arbeiterinnen keine Fluchtmöglichkeiten gegeben habe. Als das Feuer ausbrach, nähten rund 1000 Arbeiter und Arbeiterinnen in der Fabrik. Die Flammen griffen so schnell auf die oberen Stockwerke über, dass einige von ihnen in Panik aus den Fenstern sprangen.Im Inneren des Gebäudes waren die Arbeiterinnen offensichtlich den Flammen ausgeliefert – den Luxus von ausreichend beschilderten und erreichbaren Notausgängen wollte sich der Fabrikbesitzer offensichtlich nicht leisten. Ein ähnliches Bild bei einem Brand im September in Pakistan. In der Fabrik ließ unter anderem der deutschd Textildiscounter Kik Jeans fertigen. Auch dort brach ein Feuer aus, auch dort waren Notausgänge verschlossen, die Fenster vergittert. Fast 300 Menschen starben. Die Eigentümer der Fabrik wurden des Mordes angeklagt – ein schwacher Trost für die Opfer und ihre Angehörigen.