Der BMW Sailing Cup begeistert auch 2012 mit der richtigen Mischung aus Spaß und sportlichem Anspruch. AZ-Chefreporter Matthias Maus ist auf einem Boot dabei – sein Team überrascht alle

Für den Betrachter ist es doch so: Es plätschert das Wasser, es säuselt der Wind. Schwerelos, lautlos ziehen die weißen Segel über den Horizont. Was kann friedlicher sein als ein paar weiße Dreiecke auf Seenlandschaft? Jeder Kitschmaler weiß das.

In der Realität ist das so: „Der luvt uns hoch!” ruft der Skipper, „Raum!” brüllt's von links, „Noch dichter!” schreit die Frau rechts. Der spitze Bug der Konkurrenz schnappt nach unserem Heck wie der Schnabel eines Fischreihers. Meine Füße sind irgendwie verstrickt in drei Knäuel Leinen: eines rot, dann ist da ein grünes, und das graue zieht sich gerade fester ums Gelenk. Der Boden neigt sich ächzend zur Seite. Eine Bö!

Das ist Segeln! Das ist der BMW Sailing Cup am Starnberger See. Das ist die Beschäftigung für 90 Glückliche, die sich das Wochenende vollregnen lassen, anbrüllen lassen, die sich die Finger verdrehen, sich verfluchen und bejubeln. Es ist ein Heidenspaß!

Vordergründig geht es um die Teilnahme am weltweit größten Wettbewerb für Amateursegler. An 17 Seen, Buchten und manchmal auch nur Flüssen messen sich deutschlandweit zufällig zusammengewürfelte Crews zu fünf Mann oder Frau. Gastgeber ist diesmal die BMW-Niederlassung München, Ausrichter der Münchner Yachtclub in Starnberg: Schicke BMW vor der historischen Club-Villa mit den hellblauen Fenstern. High-Tech und Gmiatlichkeit, nobles Ambiente, davor der nicht immer so idyllische See.

Auf dem geht es in identischen Einheitsklassenbooten „um die Tonnen”. Die Crews kreuzen mit ihrem 8-Meter-Kielboot erst gegen den Wind und lassen sich dann „vor dem Wind” Richtung Ziellinie blasen. Der „Gennaker”, das ballonartige Vorsegel von der Größe einer Dreizimmer-Wohnung sorgt dann für Vortrieb und Laune auf der „J 80”. Ziel ist das Finale im Hamburger Hafen. Nur das Sieger-Team schafft's dahin.

„Ich wollte eigentlich nur ein paar Tage schön segeln” sagt Derk. Der blonde Hüne arbeitet unter der Woche in der Pharma-Branche, und jetzt will er Spaß. Cindy auch, die in einer Apotheke arbeitet. „Ich segle, seit ich meinem Freund einen Kurs geschenkt hab”, sagt sie und: „Ich will Erfahrungen sammeln.” Anne hört das mit Skepsis beim Vorgespräch. Sie hat schon Erfahrung, auf dem Boot, auf dem Wasser, und sie hat den Ehrgeiz. Und dann ist uns noch Marc zugelost, Architekt und Familienvater: Ruhig, gesetzt, und nach einem kurzen Fachgespräch unser Skipper.

Eine Anfängerin, eine Könnerin, ein starker Mann und ein bedachter Käptn, „Team Q” ist eine Glücks-Kombination. Sie ist so stark, dass sie selbst den AZ-Reporter verkraftet, Freizeit- und Kaffesegler, dessen letzte Regatta 30 Jahre zurückliegt.

Platz zwei nach der ersten Wettfahrt, wir jubeln. Und nach der zweiten, da schaut man sich erst mal ungläubig an. Zum ersten Mal zusammen auf dem Boot, nie zuvor gesehen – und Platz eins! Keiner ist besser an den Tag.

Und beim „Debriefing”, wie das Siegesbier neuerdings heißt, finden wir auch keine schlüssige Antwort auf die Frage: „Was macht uns nur so viel besser als die anderen?” Wir einigen uns auf: „Alles!”

Kaufen können wir uns nichts vom „Tagessieg”, aber immerhin. Einzug ins Halbfinale, wer hätte das gedacht. Da warten schon andere Gegner, und es wird härter gefightet im grau-grünen See, mit Protestflagge und drehenden Winden, doch „Team Q” ist nicht umzuwerfen! Anne powert am Gennaker, Derk zieht die Blase hoch, dass es eine Pracht ist, Cindy, ein Persönchen von vielleicht 1,50 Metern wuchtet den Bugspriet raus, als hätte sie nie was anderes gemacht. Marc segelt die Winddreher aus und die AZ trimmt das Großsegel und den Traveller: Keine große Rolle, so wie der Bassist in der Rockband. Kein Soli, kein Glamour, nichts filigranes, aber: Wehe, er spielt falsch! Passiert nicht. Wieder Platz zwei und das bedeutet nichts weniger als: „Finaaaaaaale! O-o-ooooh!”

Verloren gegangen ist da allerdings die „Ich-will-ja-nur-Spaß”-Stimmung. Aus den Fun-Seglern sind fünf Ehrgeizlinge geworden. Zehn bis 15 Knoten Wind, knapp 30 km/h aus Südwest bis West herrschen auf der Final-Bahn, er dreht unter schweren Regenwolken.

Und man kann ja auch nicht immer Glück haben. Es reicht nur zu Platz 3 im ersten Finallauf. Und die Mienen der Crew ähneln in dem Moment denen der deutschen Frauen-Schwimmstaffel bei Olympia. Die wahre Stärke zeigt sich erst, wenn's mal nicht so läuft. Das letzte Rennen des Tages, der letzte Lauf 2012 am Starnberger See: Wir beenden es mit einem Sieg. Nur: Jetzt überrascht das keinen mehr.

Nach Hamburg zum Finale fährt Sohrab Fratz mit Antonia Stoll, Regina Fersch, Christian Meierhofer und Mathias Wimmer. Glückwunsch! Aber die Sieger der Herzen, das sind die Cracks auf Platz zwei. Das sind Cindy und Anne, Marc und Derk – und ein bisschen auch die AZ.