Die Sammlung füllt locker ein ganzes Museum: Jahrzehntelang hat ein 79 Jahre alter Mann in seiner Schwabinger Wohnung 1500 Gemälde, Grafiken und Radierungen weltberühmter Künstler gehortet. Einige der Bilder stammen offenbar aus Nazi-Raubzügen.

Schwabing - Rolf Gurlitts nussbraune Wohnungstür geht für niemanden auf. Er selbst geht fast nie raus, und die Nachbarn sehen den etwa 1,80 Meter großen Mann nur sehr selten. Nur manchmal, sagt einer, verlässt der schmale 79-Jährige mit seinem kleinen Einkaufstrolley seine Eckwohnung in einem Schwabinger Wohnhaus. Man erkenne ihn am schlohweißen Haar und der etwas schiefen Haltung.

Seit August hat der Nachbar Rolf Gurlitt nur zweimal gesehen – das sei aber ganz normal. Gurlitt kriege ja nicht einmal Besuch. „Und wenn man bei ihm klingelt, macht er nicht auf.”

Auf dem schwarzen Klingelschild rechts neben seiner Tür steht nur der Nachname in weißer Schrift, ebenso auf dem silbernen Klingelschild unten am Haupteingang. Jahrelang waren diese kleinen, rechteckigen Plättchen die einzigen Hinweise darauf, dass Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt hier lebte.

Mit über tausend Bildern, die wahrscheinlich über eine Milliarde Euro wert sind. Nach AZ-Informationen lagerte mitten im Schwabing eine geheime Kunstsammlung, die es mit den größten Museen der Welt locker aufnehmen kann: Gurlitt hortete hier Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Skizzen – die meisten in Schränken übereinander gestapelt wie Kopierpapier.

Nach AZ-Informationen sind es etwa 1500 Stück. Bei etwa 500 von ihnen besteht der Verdacht, dass sie Anfang des vergangenen Jahrhunderts Juden gehörten, die von den Nazis erst enteignet, dann vertrieben oder in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Diese Werke stammen von den Superstars der Modernen Kunst. Sie sind so bekannt, dass selbst Laien ihre Namen kennen: Klee, Dix, Renoir, Chagall, Spitzweg, Picasso, Nolde, Kirchner, Grosz, Toulouse-Lautrec, Kokoschka, Beckmann, Liebermann, Heckel, Macke, Matisse, Barlach, Munch, Menzel, Kollwitz, Kirchner oder Campendonk.

Von Franz Marc hatte Gurlitt eine Vorstudie zu dessen weltberühmtem Bild „Die großen blauen Pferde” – und sogar Werke von Albrecht Dürer.

Diese Kunstwerke sind natürlich nicht mehr in Schwabing – sie wurden beschlagnahmt und werden unseren Informationen zufolge in Garching an einem geheimen und sicheren Ort verwahrt.

Diese unglaubliche Geschichte beginnt 2010 an der Deutsch-Schweizer Grenze. Wie die AZ erfahren hat, wird Rolf Gurlitt im September beim Übertritt nach Deutschland in einem Zug kontrolliert. Er hat Geld bei sich – ein größerer Betrag, aber unter der erlaubten Grenze von 10000 Euro. Laut „Focus”, das auch über den Fund berichtet, sind es 9000 Euro in 500-Euro-Scheinen.

Die Beamten lassen den alten Mann passieren – recherchieren aber weiter und stoßen auf zwei bekannte Verwandte von ihm: Rolfs Vater Hildebrand Gurlitt und dessen Cousin Wolfgang. Beide waren Kunstsammler in der Nazi-Zeit. Und sie waren an einer der größten Kunstraub-Aktionen der Geschichte beteiligt.

Lesen Sie hier: Kunsthistorikerin informiert über den Gemäldefund

1938 erlässt Hitler das „Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst”: Damit dürfen sich die Nazis Kunstwerke von Reichsbürgern ohne Entschädigung unter den Nagel reißen  – und tun es auch, mit Hilfe von Hildebrand und Wolfgang Gurlitt. Wolfgang verkaufte „entartete Kunst” ins Ausland und erwarb selbst Werke. Hildebrand Gurlitt war von 1938 bis 1941 einer von vier Kunst-Experten, die Verkäufe und Tauschgeschäfte für die Nazis tätigten. Dabei gingen viele Kunstwerke verloren – bis heute. Wie es aussieht, lagerten viele von ihnen seit Jahrzehnten in Schwabing.

Nach dem Krieg wird Hildebrand Gurlitt rehabilitiert – der Dresdner hat wie Wolfgang jüdische Wurzeln, und er gehörte keiner NS-Organisation an. Ab 1947 ist er wieder im Kunsthandel aktiv, wird später Leiter des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf.1957 stirbt er – und vermacht seinem Sohn wohl einen der größten Kunstschätze der Welt.

Der Sohn des Kunsträubers verkauft hin und wieder Bilder – laut „Focus” an Galerien in der Schweiz und Deutschland. Als Gurlitt 2010 kontrolliert wird, hat er laut dem Magazin eben eine Galerie in Bern besucht – stammt das Geld, das er im Zug bei sich trägt, aus einem Kunstgeschäft?

Wie viel Gurlitt mit seinen Verkäufen verdient, ist unklar. Aber er lebt offenbar gut davon. Nach AZ-Informationen hat er nie gearbeitet. Nie Steuern bezahlt. Keine Krankenversicherung. Nur die Klingelschilder zeugen von seiner Münchner Existenz.

Ein halbes Jahr nach der Kontrolle im Zug lässt die Staatsanwaltschaft Augsburg Gurlitts Schwabinger Wohnung durchsuchen – und eröffnet ein Verfahren wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung.

Nach AZ-Informationen werden die Bilder bei der Kunst-Razzia beschlagnahmt. Gegenüber der AZ will die Staatsanwaltschaft den Fund laut ihrem Sprecher Matthias Nickolai „weder dementieren noch bestätigen”.

Jetzt soll ermittelt werden, wem die Kunstwerke aus dem Schwabinger Kunst-Schatz gehören. Eine Expertin arbeitet daran. Die Aufgabe ist schwer – wie zu vernehmen ist, galten einige Bilder als vernichtet. Bei anderen wusste man nicht mal, dass sie existieren.