Sein Wissen war enzyklopädisch, seine Neugier riesengroß, am Sonntag starb der Talker und Bestsellerautor Roger Willemsen mit nur 60 Jahren an Krebs. Ein Nachruf.

Berlin - Wer ihn neben sich hatte, musste nicht mehr googeln. Man hatte den Eindruck: Dieser Mann weiß alles – zumindest innerhalb des klassischen Bildungsbegriffs! Dass er dazu noch in der Lage war, komplizierte Sätze in einer atemberaubenden Geschwindigkeit zu produzieren, im grammatikalischen Gleichgewicht, ja sogar in großer Verständlichkeit zu halten – grenzte an Verbalzauberei– und war dabei auch immer noch amüsant. Das ist die hohe und seltene Kunst niveauvoller Unterhaltung.

Jetzt ist Roger Willemsen tot. Dies bestätigten am Montag sein Büro in Hamburg und der Verlag S. Fischer. Willemsen starb demnach am Sonntag im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung in seinem Haus in Wentorf bei Hamburg.

Willemsen war einer der bekanntesten Intellektuellen

Die Krebserkrankung war bei Willemsen im August vergangenen Jahres – wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag – festgestellt worden. Daraufhin sagte er alle öffentlichen Veranstaltungen ab.

Willemsen gehörte zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen. Populär als Autor wurde er vor allem mit essayistischen Reisebüchern („Die Enden der Welt“).  Nach seinem Abitur 1976 studierte er Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn, Florenz, München und Wien. Er promovierte über die Dichtungstheorie von Robert Musil. Willemsen hatte lange versucht, seine Form der intelligenten Unterhaltung im Fernsehen zu erfinden. Auf Premiere begann er Anfang der 90er seine Talksendung „0173“ im Wechsel mit Sandra Maischberger, mit der er damals auch privat liiert war.

Die ZDF-Sendung „Willemsens Woche“ brachte den Grimmepreisträger schließlich vier Jahre lang ins ZDF. Danach begann er sich intensiv langen Künstlergesprächen zu widmen und drehte einen Film über seinen Freund, den französischen Jazzpianisten Michel Petrucciani. Willemsen TV-Auftritte beschränkten sich hauptsächlich auf Literatursendungen, denn mit dem Medium Fernsehen hatte er gebrochen: „Der Traum des Fernsehens als einer Volksbildungsanstalt im aufgeklärten Sinn ist längst ausgeträumt“, schrieb Willemsen 2011 in einem Essay für die „SZ“: „Es ist ein perfides Medium, weiß es doch ganz genau, was wir, wie lange, von welchen Geschmacksverstärkern begleitet, sehen wollen. Auf der niedrigsten Stufe mentaler Bewegung stieren wir es an, bei lebendigem Leibe eingeschläfert.“

Ein Jahr lang Zuschauer im Bundestag

Willemsens eigene mentale Bewegung aber blieb hochtourig seit er sich von dem „Medium der Unterforderung“ abgewandt hatte: Wer ihn auf Podiumsdiskussionen erlebte, oder letztes Jahr als Moderator bei „Klassik am Odeonsplatz“, war gefesselt von der Eloquenz dieses Mannes, der seine Neugier, seinen Wissensdurst aber auch seinen Unterhaltungswillen auf vielen Spielfeldern erprobte. Ob als Kabarettist an der Seite Dieter Hildebrandts oder als Zuhörer im Bundestag: Ihm gelang sogar das Kunststück, das über ein Jahr verfolgte Geschehen im Parlament in den Bestseller „Das Hohe Haus“ (2014) zu transformieren. Gregor Gysi twitterte am Montag: „Roger Willemsen konnte nicht nur wunderbar reden und schreiben, sondern auch hervorragend zuhören.“

Auch eine Qualität, die im Talk-TV verlorengegangen ist.