Am Ende kommt die Berlinale doch noch in Schwung – dank harter Kost aus Rumänien und Kasachstan und einem toten Helden

Wer langsam aus dem Startblock kommt, muss am Ende noch lange nicht als letzter ins Ziel einlaufen. Von dieser Gesetzmäßigkeit kann nicht nur Sprint-Weltrekordler Usain Bolt ein Liedchen singen. Auch für die diesjährige Berlinale gilt, dass die Bilder zu Beginn nicht recht laufen lernen wollten und viele Filme – darunter auch der deutsche Beitrag „Gold“ – durchfielen.

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Die Cineasten-Katerstimmung erstmals verscheuchen konnte der chilenische Beitrag „Gloria“. Der Moment, als die bärenverdächtige Hauptdarstellerin Paulina Garcia ihre hässliche Hornbrille und damit auch ihren Berg an Enttäuschungen weglegt und sich auf die Tanzfläche stürzt, spiegelte auch treffend den Stimmungsumschwung vieler abgekämpfter Kritiker wider.

Den Blick auf fremde (Un)Kulturen und Probleme schärften 2013 aber vor allem die Filme aus Osteuropa, was ihnen sicher den ein oder anderen Bären einbringen wird. Ganz vorne dabei das rumänische Gesellschaftsdrama „Child’s Pose“, das die umwerfend abgeklärte Luminita Gheorghiu als nicht nur den feigen Sohnemann manipulierende Matrone zeigt.

Ebenfalls preiswürdig ist Danis Tanovic’ erschütternder Mix aus Dokumentar- und Spielfilm „An Episode in an Life of an Iron Packer“. Darin spielt eine Roma-Familie ihr Leben nach, und der Zuschauer leidet mit, als die weibliche Hauptfigur eine Fehlgeburt erleidet, ihr für eine notwendige Operation aber das Geld und eine Krankenversicherung fehlen. Genau wie Calin Peter Netzer in „Child’s Pose“ arbeitet auch Tanovic mit einer wackligen, Authentizität vorspiegelnden Digitalkamera und steht damit im krassen Gegensatz zu Emir Baigazins Konzept für „Harmony Lessons“, dem visuell beeindruckendsten Werk der diesjährigen Berlinale.

Der erste Wettbewerbsbeitrag aus Kasachstan fasziniert mit symbolträchtigen, präzisen Bildkompensationen, die das isolierte Leben eines höchst intelligenten, aber von den Mitschülern abgelehnten Jungen illustrieren. Unvergessen bleibt, wie der 13-jährige Aslan (neben Andrzej Chyra als schwuler Priester in „In the Name of“ der einzige männliche Bären-Kandidat: Timur Aidarbekov) eine Schabe auf einem selbstgebastelten elektrischen Ministuhl malträtiert.

Mit Isolation und seelischer Grausamkeit kennt sich auch Jafar Panahi aus. Der immer noch im Iran unter Hausarrest stehende Regisseur hat mit „Pardé“ eine zwiespältige Reflexion seiner Gefängnissituation abgeliefert und die Jury vor eine Herausforderung gestellt: Zeichnet sie seinen Film aus, gilt die Entscheidung als rein politisches Statement. Verweigert sie ihm den Bären, wird ihr Feigheit und mangelndes Engagement unterstellt.

Vielleicht hätte Berlinale-Leiter Dieter Kosslick den Film besser in einem Sonderscreening außer Konkurrenz präsentiert. Und wie man auch ohne Bären-Chancen Aufmerksamkeit erzeugt, hat George Sluizer vorgemacht. Der auf zwei Krücken gehende Niederländer hat es doch fertiggebracht, nach 20 Jahren „Dark Blood“ mit River Phoenix fertigzustellen. Das mystische Dreiecksspiel in der flirrenden Hitze Utahs gibt nochmal einen Eindruck davon, warum Phoenix, der mit 23 Jahren tragisch an einem Drogencocktail starb, einst als neuer James Dean galt.

Wildheit, Wagemut und wahre Emotionen ließen die starbesetzten Filme der diesjährigen Berlinale allzu häufig vermissen. Und so kam einem nicht nur der „Nachtzug nach Lissabon“ unendlich lang vor, während die spannenden Thriller-Nebenwirkungen bei Steven Soderberghs „Side Effects“ weitgehend ausblieben.

Um (Religions)Freiheit und Selbständigkeit ringende Frauen standen diesmal im Zentrum der meisten Berlinale-Arbeiten, ihre Schicksale rührten an und versöhnten mit einem an Höhepunkten armen Wettbewerb, in dem bezeichnenderweise der außer Konkurrenz laufende 3D-Höhlenmenschen-Animationsfilm „Die Croods“ am meisten Spaß machte.

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