Belgien Küstenkunst in Oostende

Oostende - Eine Schönheit in bodenlangem Kleid hält das Ohr an einen riesigen Schalltrichter aus hellem Holz. Die Dame ist aus Bronze gegossen. Das Kind neben ihr ist aus Fleisch und Blut. Es presst seinen Kopf an das zweite, nicht weniger gigantische Hörrohr und lauscht dem Brausen der Brandung. „I can hear it“ heißt das Werk des Letten Ivars Drulle, das am Strand von Middelkerke ebenso elegant wie poetisch den Bogen von der Belle Epoque in die Gegenwart spannt.

Der Blick des Betrachters läuft über die Wellen in die Weite. Die Nase saugt den Geruch von Salz und Tang ein. Das Meer bildet die Bühne für die Installation. Der breite Strand mit seinem cremefarbenen Sand gibt der Kunst den Raum für eine Wirkung, wie sie kein Museum bieten kann. Zum vierten Mal wird mit der Triennale „Beaufort 04“ die gesamte Küste Belgiens zu einer Kunstgalerie von gigantischen Ausmaßen, bietet ein Forum für überwiegend junge Künstler aus 27 europäischen Ländern, um ihre Werke zu präsentieren.

Fast 30 Werke sind am Strand ausgestellt

„The Wanderer“ der Zypriotin Melita Couta schwebt über den Dünen als grazile Figur, die ein Füllhorn auf der Stirn trägt und zwei Fische in der Hand. Eine Hommage an die Fischer, die ihre Existenz dem Meer verdanken und sich den Elementen aussetzen. Der Belgier Nick Ervinck lässt einen Wassertropfen als grellgelbe Skulptur explodieren. Einen Steinwurf davon entfernt hat die Künstlerin Flo Kasearu aus Estland drei Container zu Barken umgeschweißt, die wie Symbole von Hoffnung und Verzweiflung zugleich als Strandgut auf­gelaufen sind.

Fast 30 Werke sind 2012 Gegenstand von „Beaufort“, das wortwörtlich genommen „schön und stark“ meint. Hinzu kommen mehr als zwei Dutzend Objekte der vorherigen Triennalen, die von den Küstengemeinden angekauft wurden und nun einen riesigen Skulpturenpark an der Nordsee bilden. Bis Ende September kann man auf Schritt und Tritt in Gegenwartskunst schwelgen. Zu den Objekten zu finden ist kinderleicht. Die Haltestelle der Straßenbahn liegt nur einen Steinwurf vom Strand entfernt. Mit der Elektrischen am Saum der See entlang? In Belgien ist das kein Problem. Ganze 67 Kilometer misst die Küste des kleinen Königreichs. Seit 1885 ist „De Lijn“ unterwegs von einem Seebad zum anderen. An 70 Stationen stoppt die Bahn.

Ein Bild wie von der Malerpalette

Der Belgier hat ein pragmatisches Verhältnis zu seiner Küste. Vorbei die Zeit der Belle Epoque, wo nur betuchte Bürger sich ein Küstendomizil leisten konnten. Weil heute jeder eine Zweitwohnung mit Meerblick will, wird in die Höhe gestapelt. Die meisten Apartmentblocks haben den Charme Moskauer Trabantenstädte. Aber das macht nichts. Denn wenn man drinnen ist, sieht man die Wohnmaschinen ja nicht mehr. Sondern die Nordsee und ihre pastellfarbenen Sonnenuntergänge. Oder eine riesige goldglänzende Meeresschildkröte, auf der ein Cowboy in die Wellen reitet, als wollte er weit fort von dieser gezähmten Küste. Jan Fabre hat das gigantische Meerestier aus Messing geschaffen, das bereits seit 2003 zur imaginären Reise zum Horizont einlädt.

Oostende, etwa auf der Hälfte der Strecke, ist ein guter Standort, um Quartier zu machen. Für seine Hoheit Leopold II. war die Küstenstadt die „Königin unter den See­bädern“. Der weiße Palast am Strand kündet ebenso wie Kurhaus und Kasino von der glanzvollen Zeit, als Oostende der europä­ischen Aristokratie als Sommerfrische diente. Das elegante Belle-Epoque-Seebad De Haan ist die Trumpfkarte der Küste. Schon die Haltestelle glänzt mit Grandezza. Stattliche Strandvillen und Traditionshotels schaffen hier Atmosphäre wie in der guten alten Zeit.
Die Tram klingelt sich den Weg frei. An den Haltestellen weisen Schilder den Weg zu Objekten wie dem aus Weidenzweigen gebogenen begehbaren „Sandworm“ von Marco Casagrande.

Eleganter, sakraler, kann eine Hütte am Meer nicht sein. In Zeebrügge, an der Grenze zu den Niederlanden, endet Flanderns Küste. Vom Hafen hört man Maschinenlärm. Michael Johansson aus Schweden hat mit „The Move overseas“ einen Containerturm errichtet, dessen Mittelteil ein dreidimensionales Puzzle aus exakt ineinandergefügten Teilen von Hausrat darstellt. Habseligkeiten, die auf Reisen gehen wollen. Ungezähmt zeigt sich die Küstenlandschaft „Het Zwin“ mit ihren Dünenmulden, Salzwiesen und Schlicktümpeln. Vogelstimmen fliegen mit den Böen vorbei. Lila Strandnelken schimmern als farbenprächtige Teppiche zwischen blendend hellem Sand und stahlblauen Wasserflächen. Ein Bild wie von der Malerpalette.

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