Bayerische Staatsoper "Oberon" im Prinzregententheater - die AZ-Kritik

Carl Maria von Webers "Oberon" in der Inszenierung von Nikolaus Habjan im Prinzregententheater. Foto: Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper: Carl Maria von Webers „Oberon, König der Elfen“, inszeniert von Nikolaus Habjan im Prinzregententheater

Nein, neu ist das nicht. Menschenversuche, mit und ohne Ratten, sind eine grassierende Theaterseuche. Carl Maria von Webers „Oberon, König der Elfen“ mit Puppen gab’s auch schon vor dieser Premiere der Münchner Opernfestspiele im Prinzregententheater. Und die Beglaubigung von Unwahrscheinlichkeiten durch eine Rahmenhandlung gehört zu abgetragensten Trachtenhüten in der Folklore der Opernregie.

Neu war allerdings auch nur die Ausstattung, als James Robinson Planché vor gut 200 Jahren den Text für Carl Maria von Webers Oper kompilierte: Er nahm die hohlsten Phrasen aus Mozarts „Entführung“ und der „Zauberflöte“, rührte einmal um und warf Ritter samt Piraten und Haremsdamen hinterdrein. Fertig war dieser James-Bond-Vorläufer in Opernform.

Oberon fliegt über das Kuckucksnest

Nikolaus Habjans Inszenierung macht daraus ein Kindertheater für Erwachsene. Er erzählt das Spektakel als Menschenversuch. Der Verhaltensforscher Oberon (Julian Prégardien) beweist seiner zweifelnden Gattin Titania, dass es die große Liebe doch gibt. Sie schnappen sich zwei Herren aus dem Zuschauerraum, denen die Handlung mit Hilfe von Psychopharmaka vorgegaukelt wird. Das ist bei der abstrusen Geschichte sehr hilfreich.

Wenn die Dramaturgie lahmt, wird einfach eine frische Spritze gesetzt. Oder ein Elektroschock. Und schon fliegt Oberon über das Kuckucksnest.

Elfen und Orientalen sind Puppen mit ausdrucksstarken Köpfen und flatternden Stoffkörpern. Sie werden von den drei Pucks geführt (Manuela Linshalm, Daniel Frantisek Kamen, Sebastian Mock). Diese Poltergeister kichern und scharren den Text, dass es eine wahre Freude ist. Sie übertreiben aufs Wunderbarste, ohne jemals in den puren Klamauk abzugleiten.

Böses Happy-End

Im zweiten Akt raschelt das dramatische Papier ziemlich. Wenn kurz vor Schluss im Tunis-Akt die Protagonisten ihren Puppen-Doubles begegnen, wird es todernst. Dann endet das Experiment in einer Katastrophe, übertönt vom Jubelchor aus dem Off. Auch das hat man schon gesehen, aber hier ist es eine ergreifende Steigerung.

Die Handlung spielt in der Pilzkopfzeit vor etwa 50 Jahren, der großen Epoche der Verhaltensforschung. Und wenn man in der Sturmszene denkt, dass ein paar wehende Vorhänge doch ein wenig enttäuschend sind, fährt die große Welle vor Kanagawa von Hukosai auf die von Jakob Brossmann und Denise Heschl ausgestattete Bühne.

Die jungen Mitglieder des hauseigenen Ensembles und des Opernstudios singen alle erfahrenen Gäste an die Wand. Johannes Kammler leiht dem Ersatz-Papageno Scherasmin seinen mächtigen und zugleich schön geführten Bariton. Er ist wie seine Kollegin Rachael Wilson (Fatime) auch ein engagierter Darsteller.

Die blau angemalte Anna El-Khashem überlässt die Aktion einer Puppe und strahlt als Meermädchen umso hinreißender. Alyona Abramova erinnert als Titania ein wenig an die Genossin Akademiemitglied Doktor Ingenieurin Elena Ceausescu. Ihr nicht perfektes Deutsch störte deshalb überhaupt nicht.

Licht und Schatten

Es ist ein Luxus, den Oberon mit Julian Prégardien zu besetzen: Viel zu tun hat er nicht. Aber er schafft es, den Uralt-Witz über den Souffleur „Da sitzt jemand im Kasten“ so überzeugend zu servieren, als sei er ihm eben erst eingefallen.
Sein Tenorkollege Brenden Gunnell kämpft wie jeder Hüon von Bordeaux mit der lyrisch-heroischen Stratosphärenarie „Von Jugend auf“. Dafür gelingt ihm ein schönes Gebet. Annette Dasch ist eine hinreißend komische Tragödin. Leider auch unfreiwillig in der großen Arie „Ozean, du Ungeheuer“. Das streift die Sphäre der Zumutung.

Die Enttäuschung des Abends heißt Ivor Bolton. Klanglich ist die Aufführung mit Naturhörnern und vibratoarmen Streichern des Bayerischen Staatsorchesters sehr knackig. Aber der Dirigent lässt Webers Eleganz unentdeckt. Trotz seiner Derbheiten wirkt der Zauber dieser für London komponierten Metropolen-Musik. Sie klingt viel spritziger und internationaler als der betulich deutsche „Freischütz“.   

Wieder am 24., 27. und 30. Juli um 19 Uhr im Prinzregententheater, ausverkauft. Die Aufführung vom 30. Juli wird auf www.staatsoper.tv live übertragen. Nikolaus Habjan tritt mit seinen Puppen am 28. Juli um 20 Uhr im Prinzregententheater mit der Musikbanda Franui beim Abend „Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“ auf

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