Bayerische Staatsoper Die famose Joyce DiDonato in Rossinis "Semiramide"

Alex Esposito als Assur. Foto: Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper: Gioachino Rossinis „Semiramide“ mit Joyce DiDonato in der Inszenierung von David Alden im Nationaltheater

In einer Geschichte von Bertolt Brecht begrüßt ein Mann Herrn Keuner, den er lange nicht gesehen hatte, mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ Und Herr Keuner erbleicht vor Schreck. So ähnlich geht es einem bei David Alden und seiner Inszenierung von „Semiramide“ im Nationaltheater. Die ist bunt, nett, hübsch und ziemlich oberflächlich. Aber eben auch wie gewohnt, wenn Alden inszeniert.

Doch eine Opera seria von Gioachino Rossini ist vor allem für die Sänger da. Die Titelrolle multipliziert Shakespeares Gertrud („Hamlet“) mit Lady Macbeth und der antiken Klytämnestra. In Schach gehalten werden diese schlimmen Frauen durch den Klassizismus der Vorlage von Voltaire. Und durch Koloraturgesang. Joyce DiDonato zwingt diese Gegensätze zu einer aufregenden Bühnenfigur zusammen. Sie spielt den zweiten Frühling einer Frau in den besten Jahren, getrieben durch ihren Machthunger und die Belastung durch die alte, unbewältigte Schuld des Mordes an ihrem Gatten.

Dass die Rolle gegen die Tradition nicht mit einer dramatischen High-Tech-Zwitschermaschine besetzt ist, steigert die psychologische Wahrheit. Die Koloraturen singt die Mezzosopranistin trotzdem bewundernswert genau. Die Rezitative gestaltet sie als große Tragödin mit starkem Ausdruck und großen Reserven in der Stimme. Das muss man gehört und gesehen haben.

Lesen Sie auch unsere Rezension über die CD "In War and Peace" von Joyce DiDonato

Zentrum der Aufführung ist das große Duett mit Assur nach der Pause. Wenn die beiden im Prunkbett zwischen Leidenschaft und Schuld hin- und hergeschüttelt werden, ist Verdis „Macbeth“ nicht fern. Der anfangs etwas verhalten singende Alex Esposito hatte sich in der Premiere bis dahin stark gesteigert. Leider macht die Inszenierung aus diesem Machtmenschen einen Trottel, dessen Uniformjacke mit Orden übersät ist wie bei einem General aus Nordkorea. Und der Stimme fehlt bei aller Beweglichkeit die Schurkenschwärze.

Der Dirigent macht nichts falsch

Das Bayerische Staatsorchester steuert wunderbare Holzbläser-Soli bei. Der Dirigent Michele Mariotti macht nichts wirklich falsch, aber auch sonst wenig – außer die Sänger unauffällig zu begleiten. Aber einen eigenen Tonfall für Rossinis tragische Musik findet er nicht: Es klingt alles nach Buffa.

Lawrence Brownlee meistert den Idreno mit höhensicherem, metallischem Tenor. Arsace zögert wie Hamlet bei der Rache. Die stark bejubelte Daniela Barcellona lässt viele Registerbrüche und manches Gurren hören, das nicht jedermanns Geschmack ist. Dass ihr Timbre dem von Joyce DiDonato ähnelt, störte nicht. Es steigert eher den Terzen-Rausch ihres Duetts. Leider hatte Buki Shiff die Sängerin in ein ziemlich unmögliches Kostüm gesteckt, ihr alberne Koteletten und einen Dreitagebart angeklebt, um die Hosenrolle dem Küchenrealismus der Inszenierung anzupassen.

Babylon in Nordkorea

Alden verlegt die Geschichte in eine Diktatur mit nordkoreanischen Zügen. Das ist auf den ersten Blick überzeugend, weil Kim Il-sung als übermächtige tote Vaterfigur das Land so sehr dominiert wie der tote Nino das alte Babylonien dieser Oper. Der Bühnenbildner Paul Steinberg hat sich von kommunistischer Propagandamalerei- und Architektur inspirieren lassen. Das bleibt eine vordergründige Bebilderung, die weder viel über moderne Diktaturen noch groß über die Figuren der Oper etwas aussagt.
Bei „Bel raggio lusinghier“, der bekanntesten Arie der Oper, fürchtete der Regisseur offenbar Langeweile: Da flattern Schmetterlinge über eine Videowand, die in ziemlich altbackener Weise auch bei der Erscheinung von Ninos Geist bemüht wird. Die zentralen Szenen sind zwar solide erzählt, aber meistens schwindelt sich Alden, witzelnd wie in alten Tagen, durch eine Geschichte, der er letztlich nicht traut. Im ersten Finale wird in peinlicher Weise ein ohnehin überflüssiges Geländer abmontiert, ehe der Bewegungschor ein bisschen Katastrophe mimt.

Dieser Regisseur hat in der Ära von Peter Jonas eine herausragende Inszenierung geliefert: den „Tannhäuser“ von 1994. So gut war Alden in den folgenden 14 Arbeiten dann leider nicht mehr. In „Semiramide“ gelingt ihm immerhin nach der lähmend-konfusen Szene in der Gruft ein starker Schluss: Der Abschieds- und Todesschmerz von Semiramide und Arsace wird hart gegen den aus dem Off schmetternden Schlusschor gesetzt.
Wir wissen jetzt: Alden ist sich treu geblieben. Aber wir wissen auch: Joyce DiDonato ist eine famose Sängerdarstellerin. Von ihr bitte mehr! Viel mehr! 

Wieder am 15., 18., 23. und 26. Februar und 3. März, ausverkauft, eventuell Restkarten. Die Vorstellung vom 26.2. wird ab 17 Uhr unter staatsoper.tv im Internet übertragen

 

JETZT LESEN

0 Kommentare