Baustelle macht sie krank Münchnerin in Wohnungsnot: "Nur Platz für Millionäre"

Verzweifelt: Karin S. auf ihrem Balkon in der Oberen Au. Die gebürtige Münchnerin leidet unter der nahen Baustelle. Foto: Bettina Funk

Karin S. ist krank. Lärm und Dreck von der Paulaner-Baustelle sind für sie unerträglich. Doch die gebürtige Münchnerin findet keine andere Wohnung.

Eigentlich dürfte Karin S. ihre Wohnung nie hergeben. Zwei Zimmer, 58 Quadratmeter, ein kleiner Balkon. Und das für 440 Euro Miete. Doch Karin S. ist verzweifelt. Gegenüber des Wohnhauses, auf der anderen Seite der Welfenstraße, wird gebaut, noch mehrere Jahre: Auf dem alten Paulaner-Areal am Nockherberg entstehen Hunderte Wohnungen.

"Der Staub ist das Allerschlimmste", sagt sie. Manchmal wache sie mit verklebten, verschwollenen Augen auf. In der Wohnung liegt eine feine Staubschicht. Sie fährt mit der flachen Hand über eine Fensterbank. Ihre Handfläche ist danach grau. "Ich putze hier ständig, aber der Staub ist überall", erzählt sie. Dazu kommt der Lärm. Wenn auf der Baustelle mit dem Presslufthammer gearbeitet wird, vibriert die Wohnung. Risse sind an Wänden und Decke sind entstanden.


Blick aus der Wohnung auf das alte Paulaner-Areal an der Welfenstraße. Foto: Bettina Funk

Karin S. ist ein Münchner Kindl. Ihr ganzes Leben wohnt sie hier. "Ich habe in ganz verschiedenen, tollen Jobs gearbeitet: Zum Beispiel bei Banken und sogar beim Radio", erzählt die 58-Jährige. Doch seit ihrem 14. Lebensjahr leidet sie an der Hauterkrankung Vitiligo, auch Weißfleckenkrankheit genannt. Dabei kommt es stellenweise zu einem Verlust des braunen Hautpigments Melanin. Dadurch ist ihre Haut sehr lichtempfindlich. "Ich vertrage keine Sonne. Wenn ich ohne Sonnenschutz rausgehe, habe ich nach fünf Minuten schlimmen Sonnenbrand", erzählt sie. Durch die Krankheit bekam sie Grauen Star, der ihre Sehfähigkeit beeinträchtigt – und Diabetes.

"München hat mich im Stich gelassen"

Seit 2008 bezieht sie Erwerbsminderungsrente. "Im Moment kann ich meine Wohnung überhaupt nicht mehr verlassen", sagt sie traurig. Sogar Lebensmittel bekommt sie nach Hause geliefert. Karin S. kann der Baustelle nicht entfliehen.

Im Internet dokumentiert sie als "Nixe Muschelschloss" die Baustelle. Und: Sie hat sich an den Bauträger, die Bayerische Hausbau, gewandt. Der versprach ihr für den Sommer eine Klimaanlage, damit sie nicht so viel lüften muss. Doch seit 1. Juni hat sie nichts mehr gehört.

Der AZ sagte die Hausbau, dass man sich "in Gesprächen mit der Dame" befinde. Eine Umsiedlung sei unmöglich, da "keine Wohnung im Bestand frei" sei. Man wolle die Lärm- und Staubbelastung so gering wie möglich halten. Zur Zeit wird die Baustelle bewässert. Aber: "Die drei kleinen Rasensprenger können quasi nichts ausrichten", sagt Karin S.

Auch die Schreiben von Karin S. an das Baureferat verliefen bisher ergebnislos. "Meine Stadt München hat mich im Stich gelassen. Hier können nur noch Millionäre leben." Jetzt sucht die 58-Jährige nach einer Wohnung – bayernweit. "Ich wünsche mir eine Zwei-Zimmer-Wohnung, denn in einem Zimmer würde mir irgendwann die Decke auf den Kopf fallen. Ich bin ja nur zu Hause." Gefunden hat sie noch nichts. "Ich wäre im Moment schon froh, wenn ich nur ein paar Wochen hier rauskäme.


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