Ballungsräume überlastet Landflucht stoppen? Die Erkenntnisse der Enquete-Kommission

Idyllische Weite im oberfränkischen Gunzendorf. Während es in solchen Regionen Bayerns immer ruhiger wird, platzen die Ballungsräume aus allen Nähten. Foto: Nicolas Armer/dpa

Wie kann man die Landflucht stoppen und die Ballungsräume in Bayern entlasten? Die Erkenntnisse der Enquete-Kommission.

In München liegt der Quadratmeter-Preis für Mietwohnungen bei 15 Euro und mehr – in Oberfranken breiten sich Leerstand und Ödnis aus. In der Hauptstadt müssen Kinder im Schnitt 600 Meter bis zur Grundschule laufen – in Unterfranken ist der Weg manchmal 2,5 Kilometer lang. In München haben bis zu 95 Prozent der Haushalte einen Breitband-Anschluss, im Allgäu liegt der Anteil in einigen Gemeinden bei weniger als zehn Prozent. Gerecht ist das nicht.

Die von der SPD initiierte Enquete-Kommission des Landtags "Gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Bayern" hat deshalb seit 2014 untersucht, was man tun müsste, um Ballungsräume zu entlasten und die Landflucht zu stoppen. Gestern legte sie ihren Bericht vor.

Das – massiv verkürzte – Fazit des 152 Seiten starken Dokumentes, in dem rund 120 Handlungsempfehlungen ausgesprochen werden: Um diese Entwicklung zu bremsen, sind vor allem Busse, Internet, Ärzte, Schulen und kulturelle Angebote in den strukturschwächeren Regionen nötig.

Mission: Arbeitsplätze in Bayern besser verteilen

"Die Maxime muss lauten: Arbeit zu den Menschen im ländlichen Raum bringen", sagt Kommissions-Mitglied Holger Magel, Präsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum. "Wenn wir 15.000 Arbeitsplätze von BMW in München anlagern, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Leute alle herkommen und dann Wohnungen brauchen." Der designierte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) spreche vom organischen Wachstum Münchens, von Entschleunigung. "Da möchte ich jetzt mal was sehen!", sagt Magel.

Um die Arbeitsplätze künftig bayernweit gleichmäßiger zu verteilen, fordert er eine Unternehmerkonferenz zur Stärkung des Ländlichen Raumes.

Die Verlagerung staatlicher Behörden sieht der Wissenschaftler dabei als einen Schritt in die richtige Richtung. "Das Konzept funktioniert: Einige junge Mitarbeiter bauen sogar am neuen Standort", lobt er. Aber nur 2500 Arbeitsplätze aufs Land zu verschieben – "das ist noch viel zu wenig".

Kleine Städte und Gemeinden brauchen finanzielle Unterstützung

Die Politik sollte zudem dabei helfen, "weiche Standortfaktoren" zu fördern, sagt Kommissions-Mitglied Markus Ganserer (Grüne). "Ich erwarte nicht in jeder Gemeinde ein Opernhaus, aber ein Mindeststandart muss sein." Wie sonst wolle man einen Informatiker, der auch in London oder Tel Aviv arbeiten könnte, vom Standort Freyung überzeugen, spitzt er zu.

Kommissions-Initiator Christoph Rabenstein (SPD) setzt deshalb auf eine bessere finanzielle Ausstattung für kleinere Städte und Gemeinden, um ihren Bürgern etwas bieten zu können: von Schulen, Supermärkten, medizinischen Einrichtungen bis hin zu Sport, Kunst und Kultur. Außerdem seien ein flächendeckender – und funktionierender – öffentlicher Nahverkehr wichtig, genau wie die Anbindung ans schnelle Internet. "Wir brauchen Glasfaserkabel bis in jeden Weiler. Dabei geht es um eine Grundvoraussetzung für das Landleben in der Zukunft."

Der scheidende Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), sagt Wissenschaftler Magel zum Schluss, habe etwas für den Ländlichen Raum übrig gehabt. Das zeige die Einrichtung des Heimatministeriums und dass die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse heute Verfassungsrang habe. Nun müssten Markus Söder und der neue Landtag das Begonnene vollenden.

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