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Babylonia Constantinides Die Botschaft der schwarzen Spiegel

Werkfoto Foto: Künstlerin

Wenn man eine junge Künstlerin als Gesprächspartnerin erwartet, die den seltenen Vornamen Babylonia trägt, meldet sich fast zwangsläufig die investigative Neugier, was es denn mit diesem Namen auf sich hat.

Wir hatten uns in einem Café der Maxvorstadt zu einem frühen Vormittagstermin verabredet, und sie erschien mit Laptop, reichem Text- und Bildmaterial und einer etwas abwartenden Wohlgelauntheit. Dies war umso erstaunlicher, da sie spät am Abend zuvor nach einer mehrtägigen Teamsitzung aus Berlin zurückgekommen war, die als interdisziplinäres Projekt im Rahmen der Münchner Biennale für Neues Musiktheater die Komponisten Miika Hyytiäinen und Nicolas Kuhn, die Bühnen- und Kostümbildnerin AnnaMaria Münzner und Babylonia Constantinides als Videokünstlerin zur Klärung des Zusammenhangs von Komposition, Inszenierung, Erzählung, Autorenschaft und Aufführungsort zusammenführt.

Schon der Blick auf dieses komplexe Projekt zwischen Praxis und Theorie verdeutlicht, wie vielfältig auf hohem Niveau die Arbeit angesiedelt ist. Was nun den Vornamen betrifft, so leitet er sich von Babylon, dem Urort von Kultur und Vielsprachigkeit ab, sie trägt ihn gerne und hat, im Gegensatz zu manchen Menschen ihrer Umgebung, keine Schwierigkeiten damit.

Schon wenige Minuten des Zusammenseins zeigen Babylonias Fähigkeit, weitgespannte Probleme und komplexe Sachverhalte zu ordnen und mit wenigen Worten zu analysieren. Diese in Künstlerkreisen nicht gerade selbstverständliche Gabe lässt sich zum Teil wohl aus ihrer Biografie erklären.

Das Rheinland und die griechische Hafenstadt Piräus sind die elterlichen Startpositionen, beim Vater kommt noch die Auswanderung nach Zypern und Australien hinzu, bevor Windach in der Nähe des Ammersees der Wohnsitz der Familie wird, von dem aus der Vater seiner Lehrtätigkeit als Kunsterzieher in Landsberg ausübt.

Die Tochter wird 1987 in München geboren, ebenso der drei Jahre jüngere Bruder Teleboas (altgriechisch "der weithin Brüllende"). Nach dem Abitur am humanistischen Theresiengymnasium folgten das Doppelstudium der Germanistik an der LMU und die Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste München in der Klasse "Interdisziplinäre Projekte" bei Prof. Res Ingold und "Zeitbasierte Medien" bei Prof. Julian Rosefeldt.

Hier zeichnete sich bereits das medientheoretische Interesse der Studentin ab, der Blick für gesellschaftsrelevante Fragen wurde durch Seminare und Workshops, unter anderem bei Omer Fast, geschärft, so dass das Thema der Abschlussarbeit "Zwischen Weisung und Schwindel" mit der Analyse von Bewegungsabläufen der Bereiche Wissenschaft, Kunst, Militär und Pädagogik und der Situation des Stillstands folgerichtig ist.

Danach kommen Essayfilme und ortsgebundene Videoinstallationen in der Tradition von Harun Farocki, die Filme bestehen oft aus "Found Footage", also aus zufällig gefundenem Fremdmaterial und reflektierten kulturellen Erzählcodes, etwa aus dem Film des Expressionismus oder dem Film Noir. Als Beispiele der antagonistischen Situation Bewegung/Stillstand zeigt die Künstlerin das Foto einer weißen Plastik aus dem 3D-Drucker mit dem Titel "Object of Destruction" (2014), in der die Bewegung eines Metronoms in der Erstarrung der Aufnahme wiedergegeben wird. Sieben große Videoarbeiten sind zwischen 2009 und 2016 entstanden, zuletzt im Rahmen der "Favoriten III" im Lenbachhaus "Radiation Room", ein Werk, das thematisch stark von der Literatur beeinflusst ist.

Ihr Germanistikstudium war deutlich auf die Erzähltheorie des Films ausgerichtet und schloss mit der Magisterarbeit "Die Kultur der Spaltung. Radien nuklearer Verstrahlung im Erzählraum" (2016) ab. Dies war zugleich ein "Recherchepool" für die begehbare 3-Kanalinstallation im Kunstbau über den Umgang mit nuklearen Technologien.

Als bedeutendster literarischer Fundus erwies sich Arno Schmidts Roman "Schwarze Spiegel" aus dem Jahr 1951, in dem als längeres Gedankenspiel auf zwei Ebenen die Auswirkungen des 3. Weltkriegs mit Atomwaffen im Jahr 1955 von dem einzigen Überlebenden geschildert werden. Es ist dies ein Blick aus der Zukunft auf die von atomarer Zerstörung bedrohten Gegenwart.

Als nächstes großes Projekt steht die Doktorarbeit auf der Schwelle, sie trägt den Titel "Projiziertes Leben. Mimetische Praktiken der Medialisierung von Lebensgeschichte" und untersucht den biografischen Autorenfilm bei Nachvollzug und Neukonstruktion eines Lebens. Nach dem intensiven Gespräch mit Babylonia Constantinides bleibt das Gefühl, dass dies nur eine Momentaufnahme eines reichen, sich vielfältig verzweigenden Reflexions- und Schaffensprozesses einer jungen Künstlerin ist, von der in den nächsten Jahren noch sehr viel Bewunderungswürdiges zu erwarten sein wird.

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