AZ-Stadtspaziergänger Vielfältig, bayerisch, zerbrechlich: das Nymphenburger Porzellan

Gelungener Spagat zwischen Klassik und Moderne: In Zusammenarbeit mit Künstlern, Designern und Modeschöpfern entstehen eigenwillige Schöpfungen. Foto: Sigi Müller

AZ-Stadtspaziergänger Sigi Müller besucht die Porzellan-Manufaktur – und lernt, wie ein alter Riemenantrieb und neue Kunst zusammenpassen

Nymphenburg - Zwei kleine weiße Esel fallen mir in einer Vitrine des Ladens auf. Ganz schlicht, kaum bemalt, einer hat eine blaue, der andere eine grüne Decke über dem Rücken. Trotz der Einfachheit sprechen sie mich an.

Ich bin im Laden der Porzellan-Manufaktur Nymphenburg im Nymphenburger Schloss und bekomme einen ersten Eindruck über die Vielfalt der Stücke, die hier gefertigt werden. In den anderen Vitrinen: eine Gruppe Elefanten, Hunde, eine große Eule, Geschirr. Alles wunderbar ausgearbeitet. Teils matt und weiß, teils glänzend und in kräftigen Farben bemalt. Auf jeden Fall: Handarbeit.

Ich habe noch keine Vorstellung, wie die Kleinode entstehen – und ich bin überrascht über die Vielfalt. Meine nächste Station sind die sogenannten Showrooms: auch da der gelungene Spagat zwischen Tradition und Moderne.

Natürlich finde ich die Klassiker wie die bayerischen Löwen, Münchner Kindl und Geschirrservice, wie man sie kennt, aber auch sehr moderne Arbeiten, die zusammen mit namhaften Künstlern, Designern und Modeschöpfern entstehen. Namen wie Karl Lagerfeld, Vivienne Westwood, Valentino, Christian Lacroix – um nur einige zu nennen.

Ich lerne die Künstlerin Ruth Gurvich kennen, die ein Service entworfen hat, das aussieht, als wäre es aus feinem, weißen Papier gefaltet. Ganz filigran und leicht wirken die einzelnen Teile aus der Serie „Lightscape“. Um die 40 000 verschiedene Kunstwerke wurden bis jetzt entworfen, und alle können noch weiter gefertigt werden. Angefangen vom Mahlen der Grundsubstanzen aus Kaolin, Feldspat und Quarz wird alles im Haus selbst gemacht.

So beginnt der Prozess in der Massemühle, in der mit alten Geräten gemahlen und das Material nach besonderer und natürlich geheimer Formel gemischt wird. Drei Jahre wird dann die Masse zum Reifen gelagert, bevor man mit der Produktion beginnen kann. Sogar die Farben werden selbst hergestellt. Alleine das eine Wissenschaft für sich, denn die Farben verändern sich beim Brennprozess. Trotzdem gelingt, es alle Töne so zu mischen, dass man am Ende die Wunschfarbe erreicht. So kann man dem Kunden auch ausgefallene Farbwünsche erfüllen.

Weltweit ist die Manufaktur die einzige, die noch so klassisch produziert. Die mechanischen Geräte werden durch Wasserkraft aus dem Schlossbach gespeist. Mühlen, Töpferscheiben und Rührbottiche werden über ein Riemensystem angetrieben. Alle runden Produkte wie Teller, Tassen und Schalen werden auf Scheiben gedreht, Figuren gegossen, andere per Hand gefertigt. Ich bin dabei, wie der Mitarbeiter Tobias aus einem Klumpen Porzellanmasse einen filigranen Teller formt. Geschick und jahrelange Übung sind nötig. Zum Schluss kommt der Stempel mit dem Nymphenburger Wappen in den Boden sowie per Hand eingeritzt ein „T“ – für Tobias. So kann man jedes Produkt einem bestimmten Mitarbeiter zuordnen.

Das Material schrumpft: Aus dem Uhu wird eine Waldohreule

In der Gießerei treffe ich Herrn Löscher, der an einem aus elf Einzelteilen gegossenen, vermeintlichen Uhu arbeitet. Dieser schrumpft allerdings beim Brennen zur Waldohreule. Das Material schrumpft um etwa ein Siebtel; auch hier ist viel Erfahrung nötig.

In der Malerei schließt sich dann für mich der Kreis. Hier lerne ich Vivian kennen, die gerade dabei ist, kleine Eselchen zu bemalen. Die Gleichen, die mir anfangs im Laden aufgefallen sind. Eine kleine Eselsbrücke sozusagen.

Gegründet wurde die Manufaktur im Jahre 1747 von Kurfürst Max III. Joseph von Bayern und ist heute in der ganzen Welt bekannt und beliebt.

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