AZ-Stadtspaziergänger Altschwabing: Willkommen im alten, echten Schwabing

Verwunschener Winkel: Das Werneckschlössl, das eigentlich Schloss Suresnes heißt, ist jetzt Gästehaus der Erzdiözese. Foto: Sigi Müller

Die Keimzelle des Stadtviertels hinter der Münchner Freiheit ist noch sehr dörflich - und sehr angesagt.

Schwabing - Ein herrlicher Herbsttag, Sonne, ein bisschen Wind, die Blätter rascheln über die Straße. Ich bin in Altschwabing, in der Ecke Werneck-, Feilitzsch- und Occamstraße. Zufällig treffe ich das Altschwabinger Urgestein Wolfgang Roucka, der sich spontan Zeit für mich nimmt, um ein paar Fotos vor seiner Galerie zu machen.

Dabei erzählt er Geschichten aus der alten Zeit, wie er seinen Posterladen eröffnete, und die wilden Partys darin. Natürlich stand auch ein 10-Plattenwechsler im Laden - und immer wieder verschwanden Langspielplatten.

Vor kurzem ersteigerte ein Freund Rouckas eine Platte von der Schwabinger Gisela bei ebay und brachte sie mit. "Die Gleiche hatte ich auch damals, sie wurde aber geklaut", erzählte Wolfgang ihm, drehte die LP rum und fand auf der Rückseite die Widmung Giselas an ihn. So kehrte die eigene Platte nach 40 Jahren wieder in die Galerie zurück. Wo mag sie in der langen Zeit überall gewesen sein?

Wolfgang Roucka macht sich verdient um Schwabing, sorgte unter anderem dafür, dass die Laterne aus dem legendären Lokal der Schwabinger Gisela auf dem Wedekindplatz, mit Blick auf ihr ehemaliges Lokal, das heutige Vereinsheim, aufgestellt wurde.

Bei so vielen Geschichten, die er vor und hinter seiner Ladentür erlebt hat, da ist eigentlich ein Buch längst fällig. Oder wenigstens einmal im Monat ein Erzählabend unter der Laterne am Wedekindplatz. Sicher würden viele kommen, denn Roucka weiß auch, dass sich Altschwabing zwar sehr verändert hat. So sind etwa die ganzen Livemusikläden verschwunden. Aber heute ist der Wedekindplatz wieder Treffpunkt der Jugend, die vielen Lokale und Restaurants in der Umgebung sehr beliebt.

Ich selbst hatte vor einigen Jahren ein witziges Erlebnis im Vereinsheim. Irgendwann teilte das KVR mit, dass dort nur noch zweimal im Monat Kabarett live stattfinden darf, musste aber zugeben, dass "Public Viewing", wie es neudeutsch heißt, erlaubt ist.

Kurzerhand wollte man die Künstler in den Keller setzen und alles live auf die große Leinwand im Lokal übertragen. Auch das wurde nicht erlaubt, es fehlten die Fluchtwege. Aber Altschwabing wäre nicht Altschwabing, wenn nicht doch noch eine Lösung gefunden worden wäre: Man räumte kurzerhand das Personalklo im Flur (Sitztoilette, ein kleiner Vorraum, Handwaschbecken und Händetrockner), hängte die Türen aus, stellte einen Kameramann auf der einen Seite vor die Sitztoilettentür, mich auf die andere und klebte zusätzlich mit Tape eine feste Kamera über die Tür.

Der Moderator saß auf der Toilette, die Kamera schwenkte für die jeweilige Anmoderation auf ihn und dann in den winzigen Vorraum. Mehr oder weniger Bauch an Bauch stand ich dann nacheinander vor Frank-Markus Barwasser (Erwin Pelzig), der Kinseher, den Sportfreunden Stiller, Willy Astor und vielen anderen.

Jeder Gag, der quasi mir direkt erzählt wurde, wurde im Lokal mit lautem Lachen und Applaus belohnt - denn alles wurde direkt übertragen. Altschwabing halt.

In diesem Sinne eine schöne Woche

Ihr
Sigi Müller

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