AZ-Serie: Yoga für alle Vom Keller auf den Königsplatz

Yoga macht sich in München: Links ein frühes Bild vom Iyengar-Yoga im Kellerstudio von Michael Forbes, rechts aktuelles Pop-up-Yoga unter freiem Himmel. Foto: privat

Von Oskar Maria Graf über Heinrich Himmler bis in die Gegenwart: Wie sich Yoga in München entwickelt und verbreitet hat.

Wer im vergangenen Jahrhundert in München mit Yoga begann, hatte es einfach. Oder schwer. Je nachdem, wie man es sieht. Anders als heute, wo praktisch an jeder Straßenecke ein Yogastudio oder -lehrer den Weg zu mehr Gelassenheit und Beweglichkeit verspricht, gab es damals eine sehr überschaubare Zahl an Angeboten.

Tatsächlich wird in der Stadt schon lange Yoga praktiziert. Wir geben einen kurzen, auf Grund der Quellenlage und des Umfangs sicher nicht vollständigen Überblick über die Entwicklung des Yoga in München.

Jahrhundertwende

Zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es ein großes Interesse am Okkulten, Esoterischen, am Spirituellen und an den östlichen Weisheitslehren. 1897 gründete Franz Hartmann in München die Theosophische Verbrüderung, eine Abspaltung der Theosophischen Vereinigung, welche sich unter anderem auch mit den philosophischen und spirituellen Ideen des Yoga beschäftigte. Hartmann schrieb zahlreiche Bücher über die Yoga-Philosophie und übersetzte Schriften ins Deutsche. Auch die sogenannte Neugeist-Bewegung war populär, die positives Denken, eine gesunde Lebensführung, Yoga und Meditation kombinierte.

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand am Monte Verità im Schweizer Tessin die Lebensreform-Bewegung, die eine natürliche, gesunde Lebensweise, Vegetarismus, "zurück zur Natur", Naturheilkunde, Reformpädagogik, Freikörperkultur und Turnbewegung propagierte, sich in Deutschland verbreitete und auf dieser Basis auch Yoga als körperliche Übungsmethode lehrte.

Die Schwabinger Bohème um Erich Mühsam, Oskar Maria Graf, Franziska von Reventlow, später auch Rainer Maria Rilke zog es immer wieder nach Ascona zum Berg der Wahrheit. Ob die benannten Personen tatsächlich Yoga in der heute üblichen Form praktizierten, ist allerdings nicht bekannt.

30er- und 40er-Jahre

In den 30er- und 40er-Jahren erschien eine Vielzahl Yoga-Bücher, unter anderem auch imMünchner O. W.-Barth-Verlag. Während des Nationalsozialismus durften sich die Menschen weiterhin praktisch und theoretisch mit Yoga beschäftigen. Wo und mit welchen Lehrern, dazu gibt es allerdings für München wenig belastbares Material. Die Nazi-Größen, allen voran Heinrich Himmler, hatten vor allem an Teilaspekten der Philosophie, besonders an Ideen der Bhagavad Gita, einem der wichtigsten Yoga-Texte, Interesse und versuchten, diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Zum esoterisch-spirituellen Umfeld Himmlers zählte auch der Architekt Lorenz Mesch, der das Neubiberger Rathaus baute, den Imkerei-Verein Gräfelfing ab 1944 als 1. Vorstand führte, Himmlers Horoskope verfasste, auch nach Ende des NS-Herrschaft völkisch-antisemitischer Gesinnung blieb – und außerdem Yoga praktizierte und lehrte.

50er-Jahre

Yoga wurde in Privat-Räumen von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet, deren Namen heute leider weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Ein, wenn man so will, Yoga-Zentrum befand sich in Gräfelfing im Haus eines "KL Mesch", der mit großer Wahrscheinlichkeit identisch mit dem bereits erwähnten Lorenz Mesch war. Er leitete unter dem Dachboden seines Anwesens nicht nur einen Ashram, sondern beherbergte in diesem Ashram auch einen indischen Guru als Wohngast.

Mesch gründete hier den Verein "Deutsche Yogagemeinschaft e.V., Freundeskreis für Mystik und Yoga", den er gemeinsam mit seiner Schülerin Anneliese Harf leitete.

60er-Jahre

Die ersten Münchner Yoga-Schulen entstanden. Am 1. Mai 1961 gründete der Diplom-Volkswirt Gerhard Bohneberger das Münchner Yoga Institut, nachdem er im Italien-Urlaub erste Yoga-Erfahrungen gemacht hatte.

Alexander Katzauer, der heutige Leiter des Instituts, das am Altheimer Eck 2 seine Räume hat, erzählt, dass anfangs eine einzige Lehrerin Kurse unterrichtete. Das Angebot habe vom klassischen Hatha-Yoga über Meditation zu philosophischen Hintergründen gereicht.

Eineinhalb Jahre später, am 11. November 1962, gründete Anneliese Harf, wie Mitarbeiter des Zentrums erzählen, im Auftrag ihres Lehrer KL Mesch das Münchner Yoga Zentrum, das seit 1968 in der Frauenlobstraße 24 seine Räumlichkeiten hat. Harf, die als Friedensaktivistin galt, spielte in der Verbreitung des Yogas nicht nur in München eine führende Rolle, sondern bundesweit.

Sie schrieb Bücher, hatte eine Sendung im SWR, war aktiv an der Gründung des BDY, dem Berufsverband der Yoga-Lehrenden in Deutschland, beteiligt, bildete Lehrerinnen und Lehrer aus, die Anfang der 70er-Jahre unter anderem an den Volkshochschulen Yoga-Kurse anboten. Eine weitere Lehrerin, die damals aktiv war, ist die Münchner Buch-Autorin Marianne Streuer, die heute als "Spiritus Mundi" ihr Wissen vermittelt.

70er-Jahre

Yoga kam an die Volkshochschulen. Anfang der 70er-Jahre übernahm Roque Lobo, ein in München lehrender indischer Gesundheitspädagoge, die Leitung des Fachgebiets Yoga an der VHS. Lobo gründete außerdem den Förderverein für Yoga und Ayurveda e.V. und schrieb Yoga-Bücher.

Spiritueller ausgerichtet war das Sivananda Vedanta Zentrum, das 1974 vom indischen Swami Vishnudevananda in der Steinheilstraße 1 gegründet wurde. Der Swami besuchte München bis 1989 jährlich. Dennoch, sagt Tanja Zieger vom Zentrum, lief es am Anfang zäh an. Auch, weil das Thema Spiritualität damals noch nicht so im Alltag angekommen war wie heute.

80er-Jahre

Ein erstes öffentliches "Yoga-Happening" fand 1981 auf dem Marienplatz statt, als Swami Vishnudevananda in der Münchner Innenstadt zum "Kopfstand für den Frieden" bat.

In den 80er-Jahren breitete sich die körperlich präzise Iyengar-Methode in der Stadt aus. Die inzwischen verstorbene Luise Wörle, die ihrerseits zunächst bei Anneliese Harf gelernt hatte, eröffnete 1986 am Bonner Platz das erste Iyengar- Studio der Stadt. Luise Wörle war seit 1978 persönliche Schülerin des indischen Yoga-Meisters B.K.S. Iyengar und eine Wegbereiterin dessen Yoga-Stils in Deutschland.

Der in München lebende Amerikaner Michael Forbes, der heute als "lebende Legende" in der Iyengar-Szene gilt, war einer ihrer Mit-Pioniere.

In den 80er-Jahren kam auch Kundalini-Yoga in die Stadt. Einer der ersten Münchner Lehrer dieser Richtung war Kai Michaelis, der bei sich zu Hause frühmorgens mit einer kleinen Gruppe praktizierte. Yoga fand jetzt auch im Bayerischen Fernsehen statt, nämlich mit Roque Lobo, der dort von 1981 bis 1985 Sendungen für Bewegung und Atmung in Ayurveda und Yoga leitete.

Die 90er-Jahre

Yoga beginnt allmählich populärer zu werden. Michael Forbes macht sich zunächst in der Maistraße, später stark vergrößert in der Waltherstraße mit seinem Iyengar-Studio selbstständig, das er seit 1997 mit seiner Ehefrau Margarete Eckl leitet. Sein Studio und das Sivanda-Zentrum waren die Anlaufstellen vieler heute in München (und darüber hinaus) bekannten Yoga-Lehrer.

Patrick Broome übte in beiden Studios, die Buchautorin Gabriela Haenseler, die als eine der ersten als Personal-Yoga-Coach in München arbeitete, fand hier ihre Yoga-Berufung.

Wer zugab, Yoga zu praktizieren, wurde damals trotzdem oft noch belächelt oder als Sonderling betrachtet, erzählt Veronika Rössl, die Besitzerin des Maha-Shakti-Studios.

2000er-Jahre

Der Yoga-Boom beginnt. Der Yoga-Unterricht verlagerte sich von den VHS-, den Dachboden- oder Keller-Räumlichkeiten mehr und mehr in größer werdende Yoga- und Fitness-Studios. Yoga entwickelte sich von der oft belächelten esoterischen Spinnerei für alternative Müsli-Esser zum hippen Life-style einer körper- und ernährungsbewussten jungen urbanen Szene.

Vorreiter in München war Patrick Broome, Deutschlands bekanntester Yoga-Lehrer und Yogi der Fußballnationalmannschaft, der einen Jivamukti-Yoga genannten fordernden Stil aus New York nach München importierte und in Schwabing sein erstes Studio eröffnete.

Ebenfalls in Schwabing öffnete Veronika Rössl 2001 die Tore zu ihrem Mahashakti-Studio. Das Besondere bei ihr war und ist, dass sie sich nicht auf einen Stil oder eine Tradition festlegt, sondern von Beginn an ein breitgefächertes Angebot auf dem Stundenplan hatte. Der Boom der Studios machte es für kleinere Schulen und Lehrer schwieriger, sich in München behaupten zu können. Gabriela Haenseler verlagerte ihre Tätigkeit in der Zeit verstärkt ins Ausland, nach Ibiza, die Philippinen und Indien, wo sie bis heute im Winter Retreats leitet und Ideen für ihre Yoga-Bücher sammelt. In der Kaiserstraße entsteht 2007 das Kundalini-Yogazentrum.

2010er-Jahre

Yoga ist in der Gesellschaft angekommen. Über 75 Studios und geschätzt mehr als 1.000 Lehrerinnen und Lehrer bieten in der Stadt Stunden, Workshops, Seminare und Yoga-Lehrerausbildungen an. Der Konkurrenzdruck ist hoch, die Studios bieten teilweise Stunden für lau an – und nicht alles, was mit viel Enthusiasmus eröffnet wurde, kann sich dauerhaft halten.

Kreative Konzepte wie "Disco-Yoga" von Claudia Shanti oder "Pop-up-Yoga" von Gina Weber und Theresa Brackmann entstehen. Letztere holen Yoga raus aus den Studios und unterrichten an ungewöhnlichen Orten wie in der Villa Stuck, in Bierkellern oder auf dem Königsplatz.

Im Umfeld der Yoga-Szene hat sich eine Mode- und Gastro-Szene entwickelt, die sich auf vegane, vegetarische, ayurvedische Ernährung sowie auf Schmuck, Kleidung und – der aktuelle Trend – ätherische Öle spezialisiert. Jährlich finden zwei große Yoga-Messen statt. Das Angebot an Yoga-Stilen und Lehrern ist inzwischen so groß, dass es eigentlich für niemanden mehr eine Ausrede gibt, Yoga nicht zumindest einmal eine Chance zu geben.

Yogieren Sie schon?

Lesen Sie auch: Yoga in München - Die Vorreiter, Macher, Paradiesvögel

JETZT LESEN

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null