AZ-Serie "München nicht wie geplant" Teil 8: Münchens Bäche - Wenn's läuft, dann läuft's

Links: Der nördliche Pfisterbach, umgeben von Häuserzeilen. Rechts: Zugebaut und eng fließt der Nymphenburg-Biedersteiner-Kanal. Foto: Grässel/ho/Petra Schramek/AZ

Wo ein Bacherl rinnt, da ist es gleich gemütlich. Wie München viele davon verlor – und erst langsam zurückgewinnt.

München - Kinder wissen, dass ein Bach was Wunderbares ist. Bloß Erwachsene vergessen das manchmal. Und dann schreiben sie Sätze wie diesen hier: "Die Beseitigung der Bäche trägt mit zur Altstadtsanierung bei, da die meisten Anlieger die Bäche mit Recht als Hindernis bei einer Modernisierung und einem Umbau ihres Althausbesitzes betrachten mussten." Den Satz hat jemand vom Münchner Baureferat aufgeschrieben, im Rückblick auf das Jahr 1960 und die damalige "Durchführung der Bachauflassung", bei der die Viertel links der Isar den größten Teil ihrer Bäche verloren haben.

Aufgeschüttet, zubetoniert oder in Rohre gepresst – das hat München vor allem in den 60er Jahren mit seinen Stadtbächen gemacht. Gerade die Isarvorstadt hat sich dadurch verändert: Hier flossen vom Westermühlbach aus früher mehrere Bäche ab, etwa der Pesen- oder der Glockenbach.

Nach der Bachauflassung blieb oberirdisch aber nur noch ein Stück Westermühlbacherl, das man nicht aufgeben konnte, weil es unter anderem für die Kühlung des Heizkraftwerks an der Müllerstraße gebraucht wurde.

Protest macht sich in den 70ern breit

Den Stadträten, die gegen die Bachauflassungen waren, hat man damals gesagt, es müsse sein, wegen des U-Bahnbaus. Dabei hätte man die Bäche wie bei der jährlichen Bachauskehr einzeln trockenlegen können. Und überhaupt verläuft die U-Bahn fast auf ganzer Länge unter dem Grundwasser.

Erst in den 70er Jahren kommt größerer Protest auf, zusammen mit den geplanten innerstädtischen Autobahnen aus dem Generalverkehrsplan werden auch weitere Bachauflassungen verhindert. Aber für die meisten Gewässer ist es schon zu spät: Mit viel Geld und Aufwand hat man sie beseitigt und aus dem Stadtbild verdrängt.

Seither wiederholen sich die Forderungen immer wieder, historische Stadtbäche wieder freizulegen. Dort, wo sie noch in Rohren fließen, wäre das möglich, etwa beim Stadtmühl- und dem Stadtsägmühlbach im Lehel, dem Westlichen Stadtgrabenbach in der Herzog-Wilhelm-Straße und auch beim Glockenbach in der Pestalozzistraße. Bei Letzterem hat sich auch bereits der örtliche Bezirksausschuss für die Freilegung ausgesprochen – was die Stadt draus macht, da muss man mal schauen.

Erst stören Bäche beim Bauen, heute werden sie gewünscht

Denn der Kampf für die Stadtbäche ist ein zäher und bisher selten erfolgreicher. "Das ist ein trauriges Kapitel", sagt Architekt und Stadtplaner Karl Klühspies, der sich immer wieder für die Rettung der Bäche eingesetzt hat. "Weil sie schön sind, einen Stadtteil prägen und den Menschen ein Gefühl von Heimat geben". Auch aktuell gibt es wieder Einsatz fürs offene Wasser: Kürzlich hat das Münchner Forum gemeinsam mit dem Verein Green City und den Rathaus-Grünen gefordert, mehrere Stadtbäche wieder an die Oberfläche zu holen. Passiert ist bisher nichts.

Dass Stadtbäche aber gut in neue Wohnquartiere passen und heute sogar von der Immobilienwirtschaft gewollt sind, zeigen der Nymphenburg-Biedersteiner-Kanal im Neubau-Viertel Schwabinger Tor und der Westmühlbach im neuen Quartier auf dem Rodenstock-Gelände im Dreimühlenviertel. Oft merken halt auch Erwachsene, dass ein Bacherl was Wunderbares ist – und nicht bloß ein Hindernis.

Hier finden Sie alle bisher erschienenen Teile der AZ-Serie "München nicht wie geplant"

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