AZ-Serie "München nicht wie geplant" Teil 5: Schauplatz Schwabing - Bürger gegen die Bauwut

"Baut keine Stadt mit Betonherz": Am 14. April 1976 läuft ein Protestzug vom Odeons- zum Nikolaiplatz. Die Menschen demonstrieren gegen die geplante Bebauung des Nikolaiplatzes. Ganz rechts im Bild: Rechtsanwalt Christian Ude und Stadträtin Edith von Welser. Foto: Klühspies

Ob in Altschwabing oder im Univiertel, das zur Maxvorstadt gehört: Um die Leopoldstraße protestieren die Bürger schon mal – mit Erfolg.

München - Es mag an der Universität liegen, am Künstlerflair des Viertels, am Mythos, den man auch ein bisserl leben muss, wenn man hier wohnt – an all dem mag es also liegen, dass in Schwabing und im Univiertel der Maxvorstadt schon ein besonderer Schlag haust. Einer, der meist eine Meinung hat und sie noch öfter zeigt, vor allem, wenn es um den eigenen Lebensraum geht. Hier leben eindeutig Bürger mit besonders viel Protestkultur. Und zwar mit einer, die besonders medienwirksam ist.

Auf Schwabing schaut die Stadt, das ist so. Freilich ist es auch nicht unbedingt wichtiger als Neuhausen oder das Westend. Aber mehr Beachtung kriegt es allerweil. Und darum hat es auch eine große Wirkung auf die Kultur der Bürgerbeteiligung in München, als in den 70er Jahren in Schwabing und der Maxvorstadt gegen zwei große Bauvorhaben demonstriert wird: im Leopoldpark und am Nikolaiplatz.

Sie folgen dem Aufruf der Aktion Maxvorstadt: Bürger demonstrieren Ende der Siebziger für den Erhalt des Leopoldparks.
Sie folgen dem Aufruf der Aktion Maxvorstadt: Bürger demonstrieren Ende der Siebziger für den Erhalt des Leopoldparks. Foto: Klühspies

In beiden Fällen geht es darum, dass Plätze für Freizeit und Erholung gewonnen werden – gegen Profitinteresse.

Der spätere Bürgerpark hinter den Uni-Gebäuden an der Leopoldstraße ist damals noch als "Sondergebiet Hochschule" ausgewiesen. Und dort soll gebaut werden: Die Uni will wachsen und das Erzbischöfliche Ordinariat will neue Seminarräume für den Priesternachwuchs. "Obwohl dafür Räume in der benachbarten Universität leerstanden", sagt Karl Klühspies, Autor des Buches "München nicht wie geplant" und damals auch in der Aktion Maxvorstadt aktiv.

"Dieser Protest hat die Stadtpolitik langfristig verändert"

Die Uni lenkt nach jahrelangen Protesten ein, das Ordinariat lässt bauen. "Nach der Fertigstellung wurde das angeblich so dringend benötigte Gebäude dann vermietet und später als Spekulationsobjekt verkauft", sagt Klühspies. Trotzdem ist der Protest ein Erfolg, weil wenigstens die Uni auf ihr Baurecht verzichtet, und Klühspies kann als Vertreter der Aktion Maxvorstadt im Mai 1979 den "ersten Münchner Bürgerpark" eröffnen – wie er sagt "im Namen der Bürgerinnen und Bürger, der Politiker und Politikerinnen und der Reporterinnen und Reporter, die ihn gerettet haben".

"Der Leopoldpark muss grün bleiben": Demonstration in der Schellingstraße von der Universität kommend.
"Der Leopoldpark muss grün bleiben": Demonstration in der Schellingstraße von der Universität kommend. Foto: Klühspies

Tatsächlich war die Unterstützung der Presse für die Bürgerproteste jeweils groß und teils sogar ausschlaggebend. Das zeigt sich auch im Fall des Nikolaiplatzes, der in den Siebzigern mit großen Betonklötzen zur Büronutzung bebaut werden sollte. Die AZ ruft die Aktion "Rettet den Nikolaiplatz!" ins Leben und druckt den blauen "AZ-Rettungsring", den man sich aufs Auto pappen kann. Rathaus-Reporter Alois Segerer warnt vor der "Versteinerung Altschwabings".

Der Protest hat auch hier Erfolg. Und weil auch hier die öffentliche Teilnahme so groß war, ist auch die Nachwirkung groß: "Der Kampf der Bürger gegen die Zerstörung des Leopoldparks und des Nikolaiplatzes führten langfristig zu einer grundsätzlichen Änderung der Stadtpolitik", sagt Klühspies. "Die Interessen der Bürger werden vermehrt berücksichtigt, das führt zu mehr Stadtqualität."

Hier finden Sie alle bisher erschienenen Teile der AZ-Serie "München nicht wie geplant"

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