AZ-Report Wandern mal anders: Headbangen bei Höhenluft

Die Gifpelmosher erklimmen hohe Berge um sie zu bemoshen, denn: „Richtig gute Metalmusik ist gigantisch und mystisch – so wie auch die Berge sind.“ Die kuriosen Fotos von den Gipfelmoshern. Foto: Jessica Schober/ gipfelmoshen.de

Steife Grimassen auf dem Gipfelfoto waren gestern. Jetzt werden Bilder vom „Bemoshen“ der Berge gemacht. Hier erklären Ute, Martin und ihre Metal-Freunde, was es damit auf sich hat 

Der Eintrag ins Gipfelbuch, datiert auf 14.20Uhr, zeugt von Idylle: „Herrlicher Tag, Ruhe pur – und ich ganz allein auf dem Gipfel.“ Diese Zeilen schrieb „Andi aus dem Altmühltal“, als er auf dem Zunderkopf, einem kleinen Aussichtsgipfel im Allgäu, den Fernblick genoss. Da ahnte er noch nicht, dass nur wenige Minuten später neun dunkle Gestalten den Berg stürmen sollten, um ihn zu bemoshen. Bemoshen? Auch Andi kannte das vorher nicht. Und geriet dann ins Staunen. Aber der Reihe nach.

Früh am Morgen desselben Tages machen jene, die sich Gipfelmosher nennen, noch einen ganz friedlichen Eindruck. Ute, eine kleine, drahtige Blondine, verteilt Kopien der Wanderkarte an ihre Kollegen mit den schwarzen T-Shirts. In ihrem Familienvan ist sie heute Morgen von Landsberg Richtung Allgäu gefahren, im Handschuhfach bloß eine Pumuckl-CD, daneben Benjamin Blümchen. Ausgerechnet heute fehlt das, was sie alle vereint: Heavy-Metal-Musik.

Die Gipfelmosher sind eine kleine Gemeinde, die beides mag: Berge und Metal. Der Kreischgesang, das harte Gitarrengeschrammel, all das passe perfekt in die Alpen, findet Ute: „Richtig gute Metalmusik ist gigantisch und mystisch – so wie auch die Berge sind.“ Mit einer Freundin und ihrem Mann Martin hat Ute die Gipfelmosher-Bewegung 2006 erfunden. Inzwischen gelten weltweit 679 Gipfel als bemosht. Und heute sollen drei weitere dazukommen.

Als der Wagen auf dem Wanderparkplatz in Reutte zum Stehen kommt, beginnt die Reviermarkierung der Gipfelmosher. Trauben von beige gekleideten Senioren tasten sich mit ihren Walkingstöcken den Berg hinauf. Davor drängeln sich die jungen Wanderer, die Eiligen, in ihren neonfarbenen Sportkostümen, hochglänzend und funktionell. Nur die schwarzen Männerpferdeschwänze fallen auf. Als sich die neun dunklen, größtenteils langhaarigen Gestalten mit ihren Nietengürteln und Ohrringen aus ihren Autos heben, werden sie misstrauisch von allen gemustert, von den Senioren wie von den Neonfarbenen. Hier treffen Welten aufeinander.

Wo immer die Gipfelmosher auftauchen: Die Aufmerksamkeit am Gipfelkreuz gehört ihnen. Spätestens wenn sie alle auf ein Kommando hin ihre Köpfe schütteln, minutenlang „Headbangen“, wie es im Metal-Sprech heißt. Dabei soll das einschüchternde Äußere gar keine Furcht einflößen, erklärt Mosher Martin: „Metalfans sind auf Festivals oft die friedlichsten, bei denen gibt es am wenigsten Schlägereien.“ Die Gipfelmosher, die so böse drein- und ausschauen, sind eigentlich ganz zahm.

Wenn nicht als Provokation gedacht, woher kam dann die verrückte Idee, beim Wandern die Wallemähne zu schütteln? Martin (36) erzählt: „Immer, wenn wir auf Berge gestiegen sind, waren wir gelangweilt von den steifen Grimassen beim Gipfelfoto.“ Die Kombination ihrer beiden liebsten Freizeitbeschäftigungen erwies sich dann als Erfolg. Mittlerweile sind selbst hohe Berge im Himalaya und in den Anden bemosht, der gewaltigste darunter ist der Putha Hiunchuli in Nepal mit 7246 Metern. Über die Internetseite www.gipfelmoshen.de wurden hunderte T-Shirts bestellt, es gibt sogar atmungsaktive. Das alles ohne Werbung und auch ohne Ideologie. Außer vielleicht der schlichten Botschaft: „Nur ein bemoshter Gipfel ist ein guter Gipfel“, wie Ute lachend erzählt. Und deswegen muss sie nun auch weiter hinauf.

Ute ist Metalfan seit Teenagerzeiten. Seit „dieser Guns’n’Roses-Zeit“ Ende der Achtziger, als sie vierzehnjährig die Zimmertür verriegelte, sich vor die Boxen der Stereoanlage legte und „voll aufdrehte“. Heute promoviert sie im Fach Bauingenieurwesen. Als der Jochberg erreicht ist, fragt sie die Männer: „Mosh’ma?“ Es wird genickt, Haargummis werden aus Pferdeschwänzen gelöst. Dass genau in diesem Moment der Rucksack der Autorin den Hang wieder hinunterkullert, interessiert gerade nicht.

Jetzt wird gemosht. Minutenlang kreisen die Köpfe, die Haare rauschen im Wind, ansonsten ist es ganz still auf dem Gipfel. Heavy Metal dröhnt bloß in den Köpfen, im Takt mit dem Blut, das in die vornüber gebeugten Häupter schießt.

Weiter zum nächsten Gipfel. Auch das Koflerjoch ist noch unbemosht. Das ist wichtig, weil alle hier nach einem Eintrag auf der Internetseite trachten. Miche (24) hat in dieser Hinsicht einen Vorsprung gegenüber seinen Mosher-Kollegen: Er hat schon den 6962 Meter hohen Aconcagua in Argentinien bemosht.

Das Kopfwackeln dürfe man in dieser Höhe zwar nicht übertreiben, aber mit dem Spielen seiner „Eispickel-Gitarre“ auf dem Gipfelfoto habe er sich immerhin an die zehn Gipfelmosh-Geboten gehalten, erzählt Miche. Als Minimalgeste sehen die das Zeigen des so genannten „Metal-Hörnchens“ vor, bei dem kleiner und Zeigefinger abgespreizt werden. Dieses Zeichen, auch „Manu Cornuto“ genannt, zeigt Iron-Maiden-Fan Miche mittlerweile von jedem beliebigen Erdhügel aus.

Schon als Bub ist er mit seinen Eltern Wandern gegangen. Aber irgendwann nervte ihn, dass die immer den Radiosender SWR 4 hörten, denn: „Der geht gar nicht.“ Er suchte sich neue Berg-Kameraden. In schwarzen Shirts. Mit langen Haaren. Und dem Vorsatz: „Ertüchtige Deinen Körper! Setze dem Gerücht ein Ende, dass Metaler unsportliche Säufer sind“, wie es im NeuntenGebot der Mosher heißt.

Die unzähmbaren Gipfelmosher — im echten Leben sind sie Doktoranden, Steuerfachangestellte und Forstwissenschaftsstudenten – eilen weiter zum dritten Gipfel. Der Zunderkopf wartet noch, und darauf der bislang die Einsamkeit genießende „Andi aus dem Altmühltal“. Als die Mosher sich auf dem engen Gipfelplateau um ihn herum gruppieren, bemerkt der junge Mann mit Hut sie zunächst kaum, so vertieft ist er in seinen Eintrag ins Gipfelbuch. „Du wirst doch wohl kein Mosh-Muffel sein?“, ruft Ute ihm zu. Erst da blickt er erschrocken hoch. Früher, da habe er so etwas auf Rockkonzerten auch gemacht, sagt er, lacht und ergreift die Flucht.

Später, als drei erfolgreiche Bemoshungen dokumentiert sind, krönt das Hüttenbier den Tag. Eine Blondine am Nachbartisch, wirft sich gerade lachend ein Kokoskonfekt in den Mund. Sie tuschelt mit ihrer Freundin und ruft zu den Langhaarigen herüber: „Ihr seid doch bestimmt EDVler, oder?“ Betretenes Kopfschütteln unter den Gipfelmoshern. Der Metallook wird heute nicht erkannt. Die Raffaelo-Blondine nimmt einen zweiten Anlauf: „Na, dann aber von der Piratenpartei!“

 

 

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