Ein AZ-Reporter hat auf der Feiermeile zwischen Maximiliansplatz und Sendlinger Tor nach dem weißen Pulver geschnüffelt - er ist dabei sogar fündig geworden. 

MÜNCHEN - „Baaaaayeeeern“ grölt der Gegelte im weißen Hemd, schmeißt dabei fast die Wodkaflasche um, die Schnecke im Minirock quiekt. Seine Kumpels lachen und tatschen an knapp bedeckten Gesäßen. Partytime.

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Was feiert ihr?

„Fetter VIP-Geburtstag, mein Freund“, sagt er mit der Überheblichkeit von Leuten, die nicht zahlen müssen. Reservierung, Frauen, Eiskübel und Drinks. Heute, in einem Club am Maximiliansplatz, ist er ein Auserwählter. Und der perfekte Kandidat für die Frage: Hat er etwa? Gekokst?

Die Anzeichen sprechen dafür: Selbstüberschätzung, latente Aggressivität, der Gegelte ist hibbelig und quatscht unentwegt. Sicher ist es aber nicht: Er hat keine weiße Nase und auch keinen Hollywood-Schnupfen, dieses ständige Hochziehen. Gilt als typisch. Wobei: Derzeit könnte es Heuschnupfen sein. Pollen statt Pulver.

Vielleicht wäscht sich der Mann am Toilettenwaschbecken deshalb die Nase. Er ist etwa 45, halb kahl, hat den Kragen seines Polohemds hochgeschlagen. Er kam aus der hintersten der drei Kabinen. Dort liegen Reste weißen Pulvers auf dem Klopapierhalter: ein paar Krümel. Und dünne weiße Strichspuren. Nächste Kabine: das Gleiche.

Unter summenden roten Strahlern stehen die Kolonnen, Klumpen von Menschen in Schminke, Gel und teurem Stoff. Es wuselt, wackelt, stößt und drängt vor den roten Kordeln. Fünf Clubs, für jeden Geschmack und jedes Monatsgehalt einer, vom exklusiven Drella bis zur roheren Roten Sonne, saugen ihre Gäste stoßweise hinein. Die Türsteher sind breit wie Hummeln, die Frauen haben Wespentaillen. Ist das hier ein Bienenstock? Oder eine Schneekugel?

Seit die Clubs in Münchens Mitte gezogen sind, dreht sich das Nachtleben um Maximiliansplatz und Sonnenstraße. Das heißt auch: Mehr Lärm, mehr Stress, mehr Drogen – vor allem Koks.
Wer das schnupft, macht Party mit der Brechstange. Wie der Verschwitzte im Elektro-Club in der Mitte der Sonnenstraße, der mit dem Stroboskop um die Wette zuckt. Michi, Kellner in der benachbarten Bar, sagt, die Polizei sei oft da. „Die filzen manchmal morgens alle, die rauskommen. Unsere Türsteher haben sie auch schon gefragt“, sagt Michi. „Bei uns gibt’s kein Koks. Aber nebenan? Ständig!“

Die Housebeats gehen nieder wie Hagel, der Verschwitzte ist weg, dafür saust ein Langhaariger kichernd die Treppe hoch. „Überblick verschaffen, wuuhuuu!“ Zeit für eine Toilettenkontrolle. Nichts in den Kabinen. Einer am Pissoir sagt: „Höhö, so klein habe ich den noch nie gesehen.“ Lacher. Ein anderer schlägt die Tür auf und brüllt: „Polizei! Kontrolle!“ Niemand reagiert.

„He, hast du gekokst, duhassvollriesenpupillen“, sagt der Unbekannte und lässt sich auf die Sitzbank des Fastfood-Lokals plumpsen. Er greift zu den Pommes, die nicht ihm gehören und stopft sie sich in den Mund. „Binsofertichscheissmünchen“, sagt der ungebetene Gast aus Kiel. Das war ein Abschied. Er springt auf und zieht sich am Treppengeländer hoch zu den Toiletten.

Das hier ist ein guter Ort, um in Ruhe zu konsumieren – nicht nur, was Burger und Pommes angeht. Von der Decke flackert blaues Licht. Es soll verhindern, dass Heroinsüchtige eine Vene finden. Ein Klo mit Vorgeschichte.

Ein kleiner Wisch über die Ablagen – es staubt. Das Hygiene-Protokoll an der Tür zeigt: Man hat vor 45 Minuten geputzt.