AZ-Kommentar Verbands- und Titel-Chaos: Die Gürtel in die Tonne

Das Gürtel-Chaos wertet den Boxsport nicht auf, sondern ab, meint Matthias Kerber. Foto: dpa

AZ-Sportchef Matthias Kerber über die aktuelle Box-Misere und ihre Ursachen.

Der Boxsport taumelt durch den Ring, hängt fast verteidigungsunfähig in den Seilen. In diesen bemitleidenswerten, fast erbärmlichen Zustand hat er sich selber gebracht. Nicht nur, dass es vier große Box-Verbände (und einen Wust kleiner) mit 17 Gewichtsklassen gibt, die je nach Verband auch noch unterschiedliche Bezeichnungen haben, es herrscht zudem einen krankhaft ausufernden Titel-Wirrwarr. Junioren-Weltmeister, Interkontinental-Champion, Weltmeister. Um die Verwirrung perfekt zu machen, gibt es noch den Super-Champion. Diese Gürtel-Inflation hat dazu geführt, dass jeder Titel entwertet wird, dass in der öffentlichen Wahrnehmung eine Europameisterschaft, gar eine deutsche Meisterschaft zum Muster ohne Wert verkommen ist.

Dieses Titel-Blendwerk versteht keiner, da gibt sich der Boxsport der Lächerlichkeit preis. Wer interessiert sich für eine EM, wenn jeder Boxer, der eine Gerade von einem Haken unterscheiden kann, sich in irgendeiner Form Champion schimpfen kann? So war und ist es eben möglich, dass man Weltmeister sein kann, ohne aber zwangsläufig Weltspitze zu sein.

Die Zeit der Event-Veranstaltungen ist nach der Abdankung der Klitschkos Box-Geschichte, Sat.1 zieht sich zurück, dafür bietet Sport1 in Zukunft aufstrebenden Boxern die Plattform, ihre Handwerkskunst zu verfeinern, ohne à la Vincent Feigenbutz gleich als Heilsbringer hochgejubelt und zu WM-Kämpfen hinpromotet zu werden, obwohl man eigentlich nicht mal das Einmaleins des Sportes beherrscht. Kloppt also all die Gürtel in die Tonne, lasst die Kämpfer so lange fighten, bis es nur noch einen gibt. Den einzigen Weltmeister. Wenn man dann die Flut an Skandalurteilen der Punktrichter angeht, kann der Sport vielleicht dem Knockout doch noch entgehen.

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