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AZ-Meinung Ein taubes Ohr

Tilman Spengler, vom 01.02.2012 16:19 Uhr
Bundeskanzlerin Merkel und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao bei einem Treffen in Peking im Juli 2010. Foto: dpa
Bundeskanzlerin Merkel und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao bei einem Treffen in Peking im Juli 2010. Foto: dpa
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"Über dem Ausflug liegt das freundliche Lächeln von Wen Jiabao": Ein Gastkommentar des Schriftstellers und Sinologen Tilman Spengler über die China-Reise der Kanzlerin.

Zu Beginn eines neuen Jahres ist in China Vorsicht geboten. Gerade in Gelddingen. Kleider werden besser nicht gereinigt, damit kein Geld herausgewaschen wird, Kopf und Schwanz vom Fisch sollte man in diesen Tagen nicht verzehren. Das Wort für Fisch klingt nämlich wie das Wort für Reichtum.

Wenn also eine Bundeskanzlerin zu Beginn des Jahres des Drachen nach Peking reist, wird sie merken, dass sie bei aller Freundlichkeit auch auf große Skepsis stößt. Ja, im Reich der Mitte wartet viel Kapital auf gewinnbringende Anlage. Nein, eine große Lust auf Spekulationen herrscht dort nur im privaten Glücksspiel. Insofern stehen die Sterne günstiger für die Realwirtschaft als für Staatsanleihen oder die Pfiffikusse der Investmentbranche.

Deswegen setzt die Kanzlerin auf die Großindustrie. Das macht sie und ihre Delegation stark. Auf den Mittelstand scheint die Koalition – anders als bei solchen Anlässen oft üblich – nicht mehr zu setzen. Über dem Ausflug liegt das freundliche Lächeln von Ministerpräsident Wen Jiabao, obwohl Merkel den schon zweimal arg vors Schienbein getreten hat, zuletzt als sie hektisch und unhöflich einen Besuch absagte, davor, 2006, durch ihren Empfang des Dalai Lama.

Man kann sich in China einiges leisten als deutsche Regierungschefin, dafür garantiert auch unsere ökonomische Stärke. Sollte Frau Merkel das zum Anlass nehmen, mit Wucht auf den Gong „Menschenrechte“ zu schlagen? Gerade jetzt, wo wieder haarsträubendsten Urteile gegen Dissidenten verhängt wurden?

Ich glaube nicht. Ein taubes Ohr hört nicht besser, wenn man kräftig drauf schlägt. Frau Merkel hätte sich eine andere Strategie ausdenken lassen sollen. Sie sollte bei ihrem Besuch im Süden Chinas nicht nur mit dortigen Unternehmern zusammentreffen, sondern auch mit den dortigen Pressezaren. Die sind, von Peking aus betrachtet, ultraliberal. Nein, keine Dissidenten. Aber Vorboten einer Meinung, die nicht in Pekinger Betonmaschinen gerührt wurde. Und der Fisch in Kanton, das sagen alle Kenner, schmeckt von Kopf bis Schwanz am besten.

 

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