Er wirkt wie ein taumelnder Boxer, der weiß, dass sein Kampf bald zu Ende sein wird und darob vor dem Schlussgong noch einmal wild um sich schlägt. Sepp Blatter, nicht erst seit gestern der Korruption bezichtigter Präsident des Fußball-Weltverbands, spürt, dass seine Tage auf dem Thron der Macht, die er so oft missbraucht hat, gezählt sind.

Jetzt, da ein ehrenvoller Abtritt nicht möglich scheint, reißt er die mit rein, die sein System zu oft gestützt haben. Bisher ist Blatter den Vorwürfen der Bestechlichkeit mal durch Ignoranz, mal mit Arroganz begegnet, nun geht der Schweizer zum Gegenangriff über – und behauptet, bei der WM-Vergabe 2006 an Deutschland sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Nachdem sich DFB-Präsident Niersbach zuvor „geschockt und erschüttert“ gezeigt hat über die neuen Fifa-Skandale und sich für den DFB vom Krisenmanagement des Fifa-Präsidenten „total distanziert“, klingt Blatters Reaktion wie eine Retourkutsche – oder ist es gar eine (wenig subtile) Drohung, noch mehr auf den Tisch zu legen, wenn der DFB weiter Front macht gegen ihn?

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Niersbach, 2006 WM-OK-Chef unter Franz Beckenbauer, gilt als Präsident des Aufbruchs – er könnte die Chance nutzen und offenlegen, wer bei solchen Vergaben in welchem Hinterzimmer mit wem und warum kungelt. Das mag naiv klingen, aber: Erst wenn die Methoden klar nach außen dringen, wird man nicht nur dem Funktionär, sondern auch dem System Blatter wirklich den Garaus bereiten können. Blatters überfälliger Rücktritt kann nur der erste Schritt sein.