Tschaikowskys Ballettklassiker als Streetdance-Parabel: „Swan Lake Reloaded“ im Prinzregententheater. Lesen sie hier die AZ-Kritik zur Aufführung

München - Ohne Stoff geht hier gar nichts. Bei Fredrik Rydmans urban-schriller „Schwanensee“-Adaption lassen selbst Siegfrieds Eltern eine Runde Koks springen, um richtig Schwung in die Geburtstagsfete ihres Sohnes zu bringen. Es funkelt grün und leuchtet rot – ein regelrechtes Feuerwerk mitten im Abhängigkeitsdilemma: Der reiche Spross – seinerseits weit weniger zu vergnügungssüchtiger Ekstase hingezogen – will den Vermählungsplänen von Mama und Papa nicht so recht folgen. Verdenken kann man es diesem smarten Siegfried (Stefan Puxon) kaum, tragen die eingeladenen Girls doch kantige Bilderrahmen um ihre Gesichter, messingartige Kerzenhalter an den Brüsten oder als Kopfputz einen Lampenschirm. Extravaganz aber zeichnet nicht nur die Damen der Ballszene aus, sondern das Stück insgesamt.

Gewiss: Rydman folgt in „Swan Lake Reloaded“ deutlich der altbewährten Geschichte von Tschaikowskys populärstem Ballett. Doch fächert er seine frech ins Heute transportiere Story schlaglichtartig in nur 80 Minuten ohne Pause auf. Sogar den Auftritt der vier kleinen Schwänchen bringt er geschickt als schlacksige Liegenummer unter. Den Narren gibt akrobatisch toll – 36 Headspins anstelle der traditionell üblichen Fouettés – der mehrfache skandinavische Breakdance-Meister Fredrik „Kaos“ Wentzel.

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Auch Siegfrieds Freunde sind fetzige, immer zu Späßen aufgelegte Streetdancer, die dessen Melancholie mit einem Besuch im Rotlichtviertel abhelfen wollen. Auf ihrem Weg dorthin vermischt sich das irre Tempo der gewitzt roboterhaft zu HipHop und Electro-Pop agierenden Tänzer mit barocker Illusion. Denn Grafitti-Künstler Daniel „Mr. Puppet“ Blomqvist holt sich die Inspiration für die gesprayten, teils hin- und her fahrbaren Kulissen aus dem schwedischen Schlosstheater Drottningholm. Zu dieser räumlichen Konzentration aufs Dramatisch-Packende tragen auch Ausstatter- und Lichtdesignteam das Ihre bei.

Machomäßiger Herrscher der Halbwelt und über vier ihm drogensüchtig ergebene Prostituierte (Schwäne von Berufs wegen) ist der Zuhälter/Dealer Rotbart. Daniel Koivunen interpretiert ihn genial diabolisch mit raubvogelartig vorgeschobenem Kopf und beeindruckendem Schultermuskelspiel. Sein Erscheinen zu Tschaikowskys phänomenaler Musik, die noch oft, bisweilen in gesampelter bzw. originell verfremdeter Form bei (oft zu) voller Lautstärke erklingt, gibt den Startschuss zu der schlüssigen Show. Rotbarts Zauber ist das Pulver, das er auch Odette verabreicht. Rotiert er um die eigene Achse, schraubt sich weißer Staub von seinem Körper in die Luft. Visuelle Einfälle, die die Eindrücklichkeit der von insgesamt 10 Darstellern schmissig bewältigten Szenen wiederholt steigern.

Natürlich scheitert Siegfrieds Liebe zu Odette (von fataler Zerbrechlichkeit: Maria Andersson), als er den Ring nach übler Täuschung Rotbarts Tochter Odile an den Finger steckt. Vor den kahlen Brandmauern des Prinzregententheaters gipfelt Rydmans bild- und tonprächtige Stilfusion in einem ergreifenden Befreiungsschlag … Das Zuschauen macht Spaß.

Weitere Vorstellungen: 5.-9.8., jeweils 20 Uhr; 10.8., 15 Uhr