AZ-Kritik Liebe lieber ironisch? "Romeo und Julia" am Volkstheater

Silas Breiding (Romeo) und Carolin Hartmann (Julia). Foto: Gabriela Neeb

Kieran Joel inszeniert zur Saison-Eröffnung am Volkstheater eine verspielte Variante von Shakespeares "Romeo und Julia".

München - Auf Vorhängen projiziert huschen sie vorbei: die Bilder der Vergangenheit, die im Grunde immer das Gleiche zeigen, nur in Variationen. Entwürfe von elisabethanischen Theatergebäuden sind da zu sehen, Bühnenräume und dann eben Szenen von einer der größten Liebesgeschichten der Literaturgeschichte: Romeo und Julia, die Balkonszene, tausendfach schon gespielt; auf der Tonspur hört man altbekannte Liebesschwüre. Aber es wird übel enden, weil beide im Tumult der Fehde zwischen ihren Familien, aus einem bösen Zufall heraus, sterben. Und auch dazu gibt es zig Bilder.

Dass das Stück "Romeo und Julia" im Laufe von unzähligen Inszenierungen längst durchgenudelt wurde, hämmert Regisseur Kieran Joel in seiner Variante fürs Volkstheater gleich mal ins Auge. Dennoch möchte er ja diese Geschichte erzählen, und weil er höchstwahrscheinlich mit dem Vorwissen seines Publikums rechnen kann, nimmt er sich allerlei Freiheiten, benutzt den Shakespeare als Material, das sich recht flexibel neu zusammenmontieren und mit neuen Ideen anreichern lässt.

Luise Kinner als Mercutio

So entwirft die fulminante Luise Kinner in der Rolle von Romeos Freund Mercutio gleich mal ein desaströses modernes Bild der Beziehungen, sei es, dass in jedem neuen Blitzschlag der Liebe bereits die nächste Trennung lauert, oder, wenn man einander festhält, die biedere Bürgerlichkeit droht und der Tod des Partners sowieso. "Es endet immer in der Scheiße", stellt sie fest. Und Romeo, dem Silas Breiding eine stürmische Leidenschaftlichkeit gibt, die er bei allem Witz nie ganz verrät, bricht heulend zusammen, weil ihn momentan seine hohen Gefühle zur schönen Rosalinde quälen.

Die Liebe ist ein ständiges Auf und Ab, taucht auf und verschwindet wieder, was zum romantischen Gedanken ihrer Einzigartigkeit so gar nicht passen mag. Das Bühnenbild von Jonathan Mertz besteht simpel, aber gut aus kreuzförmig angelegten Treppenläufen, in deren Mitte die Bühne leer ist. Auch in den Publikumsraum führen Stufen hinauf, was Nähe schafft und die Zuschauer zur Ansprechmasse macht. Im Talk mit Julias Vater (Jakob Immervoll) labert der herrlich snobistische Max Wagner als Paris davon, wie gut er zu Julia passt, weil sie so viele Matching Points haben – die Liebe entzaubert durchs Internet-Dating, aber das war’s dann schon fast mit der Übersetzung in die digitale Moderne.

Eine lockere, aber nicht respektlose Haltung hat Regisseur Kieran Joel zu dem Stoff, der Shakespeare-Text gewinnt doch immer wieder Oberhand, was die modernistischen Einsprengsel jedoch beliebig erscheinen lässt. Wenn Regisseur und Team was Lustiges eingefallen ist, um "Romeo und Julia" ins Heute zu zerren, dann spielen sie das lustvoll aus. Wenn kein Einfall kam, geben sie halt traditionell und mit emotionalem Überdruck den auf knapp zwei Stunden zusammengekürzten Shakespeare. Dieser Mischmasch macht weitgehend erheblichen Spaß: Da darf Luise Kinner ihren Mercutio ganz theaterbewusst sterben lassen, probiert ein paar bekannte "famous last words" aus, um mit einem "Fick dich, AfD!" auf den Lippen aus dem Bühnenleben zu scheiden. Mercutios Mörder Tybalt (Jonathan Müller im charmanten Fat-Suit) bekommt wiederum die tödliche Retourkutsche durch Paris verabreicht, wobei die beiden erst mal alle möglichen Tricks aus der Bühnenkampfkiste ziehen.

Ohne Selbstreflexivität geht es heute offenbar nicht mehr mit den Klassikern. Shakespeares "Hamlet" hat Christopher Rüping zuletzt in den Kammerspielen als postdramatisches Blutbad inszeniert, in dem die Auserzähltheit der Geschichte ständig mitgedacht und mit den Möglichkeiten des Inszenierens berühmter Stellen gespielt wurde. Kieran Joel macht es ähnlich. Dabei öffnen sich hübsche neue Erzählräume, gar neue Optionen für die Liebe: Wenn der adrette Mönch Lorenzo (Jonathan Hutter), der Romeo und Julia im Geheimen vermählt, und Julias strikte Amme (Nina Steils) aufeinandertreffen, liegt plötzlich ein Kuss in der Luft, den Shakespeare sich wohl nie erträumt hätte.

Ein liebloses Ende

An anderen Stellen fehlen der Ernst oder Inszenierungswille: Die Nachtigall-Lerchen-Szene mit Romeo und Julia erlebt man fad per Video und am Ende ist allen bei den Proben entweder die Luft ausgegangen oder das (letztlich einseitige) Sterben des Liebespaars ist einfach zu melodramatisch und ausgelutscht, um es in aller Breite durchzuexerzieren.

So lässt die Regie diesen unterhaltsamen Abend abrupt und recht lieblos im Schnelldurchlauf des Todes enden. Immerhin: Carolin Hartmann als Julia steht dann noch einsam da, sie kein Püppchen, sondern eine robuste, standhafte, einnehmende Julia. Ihr Spiel ist am wenigsten von Ironie gefärbt, sondern von der Idee einer wahren Liebe, an der man sich doch wiederholt versuchen sollte, selbst wenn es sie vielleicht gar nicht gibt.


Volkstheater, 4.,6., 11., 12., 28.10, 18.30 Uhr; 22.10., 20 Uhr; Karten Tel. 523 46 55

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