AZ-Konzertkritik Queen mit Adam Lambert: The Great Pretender

Zwei Generationen, eine Band: Adam Lambert (l) rockt mit Brian May (r) beim Queen-Konzert. (Archivbild) Foto: dpa

Freddie Mercury liebte München, doch beim Auftritt in der Olympiahalle mussten Queen ohne ihren genialen Frontmann auskommen. Dass das Konzert trotzdem ein großartiges Erlebnis war, verdankt die Band (nicht nur) ihrem Ersatzmann Adam Lambert.

Queens größte Stärke ist und war seit jeher Freddie Mercury: Mit dem genialen Songschreiber, einzigartigen Sänger und unerreichten Entertainer an der Spitze schwangen sich Brian May, Roger Taylor und John Deacon zu kreativen Höhen auf, die ihnen später alleine verwehrt blieben. May und Taylor schufen unsterbliche Klassiker wie "We Will Rock You", "Who Wants To Live Forever", "A Kind Of Magic" oder "Radio Gaga" – doch alles zu Freddies Lebzeiten; ohne den kongenialen Partner blieben sie bedeutungslos, Deacon zog sich sogar ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Dementsprechend war es um die Band nach Mercurys viel zu frühem Tod im Jahr 1991 zunächst auch recht ruhig geworden, außer bei ein paar Sonderauftritten sah man die Männer, die einst gigantische Stadien füllten, nicht mehr auf der Bühne.

Das änderte sich erst 2004, als May und Taylor mit Paul Rodgers als neuem Leadsänger auf Welttournee gingen. 2009 endete diese Zusammenarbeit jedoch wieder und Queen verschwanden erneut von den Bühnen. 2012 dann das nächste Comeback, das die Band nun auch nach München in die mit gut 12.000 Zuschauern ausverkaufte Olympiahalle führte. Am (Haupt-)Mikrofon steht nun mit Adam Lambert ein Castingshow-Rocker, der bei Freddie Mercurys Tod gerade einmal neun Jahre alt war.

Doch obwohl der 32-jährige Lambert 35 Jahre jünger als Brian May ist, schwärmt der Gitarrist von seinem neuen Leadsänger in den höchsten Tönen: "Wir werden mit niemand anderem mehr arbeiten, nachdem wir mit dem großartigen Adam gearbeitet haben." Tatsächlich ist Adam Lambert, der 2009 bei "American Idol" Zweiter wurde, ein Talent, das in Dieter Bohlens weichgespültem RTL-Pendant "Deutschland sucht den Superstar" völlig verschwendet wäre. Er überstand die erste Casting-Runde mit einer A-Capella-Performance von "Bohemian Rhapsody" und sang sich bereits damit so in Mays Herz, dass der Gitarrist ihn schließlich zu Queen holte. Dennoch ist die Rolle des Freddie-Mercury-Ersatzmannes natürlich eine gewaltige Hypothek.

Adam Lambert ist ein großartiger Ersatz - aber kein Freddie Mercury

Bei ihrer Tour machen es Queen ihrem jungen Star freilich leicht, sich sofort ins Herz des Publikums zu singen: Die Show beginnt mit dem unsterblichen Rhythmus von "We Will Rock You" und da die Halle mit absoluten Queen-Fans gefüllt ist, wird der Rest des Abends von da an beinahe zum Selbstläufer. "Queen + Adam Lambert", wie sich die Formation offiziell nennt, können dabei natürlich auf einen Musikkatalog zurückgreifen, der so außergewöhnlich gut ist, dass auch nach 25 Songs keine einzige Melodie dabei ist, die nicht jeder schon mal irgendwo gehört hat. Oder im Fall der Konzertbesucher inbrünstig mitsingen kann.

Es erscheint dabei geradezu paradox, dass Lambert ausgerechnet bei den komplexeren Songs brillieren kann. Dort kann er die ganze musikalische Spannweite seiner Stimme ausspielen, zeigen dass er von ganz unten bis ganz oben alle von Freddie Mercury vorgegebenen Töne spielend leicht trifft. Je melodiöser, je anspruchsvoller ein Song, desto besser funktioniert die Illusion. Dann zelebriert der junge Amerikaner die britischen Rock-Hymnen mit einer Intensität, als seien es seine eigenen Songs - und er nicht nur ein (zugegebener Maßen sehr privilegierter) Cover-Interpret.

Lamberts Performance ist großartig und des berühmten Band-Namens würdig, auch wenn seiner Stimme natürlich ein wenig die Einzigartigkeit des großen Vorbilds fehlt. Doch im Zusammenspiel mit May und Taylor wird daraus tatsächlich Queen. Und Lambert ist auch bodenständig genug, sich nicht mit Mercury zu vergleichen. Er sei, wie alle anderen in der Halle auch, "einfach nur ein Fan" sagt er und betont unter dem erwartbaren Applaus, wie unersetzbar Freddie ist.

Zwei alte Rocker stehlen dem jungen Talent die Show

Doch auch wenn der Leadsänger Adam Lambert heißt, die wahren Stars des Abends sind die Queen-Veteranen Brian May und Roger Taylor. Wann immer sie solo in Aktion treten, bebt die Halle – und das zu Recht. Brian May hat inzwischen zwar nicht nur optisch längst das Rentenalter erreicht und bewegt sich nur noch recht behäbig über die Bühne, doch seinen Fingern merkt man das Alter nicht an. Sie fliegen wie eh und je über die Saiten und entfachen ein ums andere Mal Jubelstürme beim Publikum. Auch Roger Taylor wirkt nur auf den ersten Blick wie ein alter Mann, der fast hinter seinem riesigen Schlagzeug zu verschwinden scheint. Oftmals steuert er aus dem Hintergrund nur die gemächliche Baseline bei, doch im richtigen Moment explodiert er regelrecht mit den Sticks in seinen Händen und gibt dann für die ganze Halle einen Rhythmus vor, der einen unweigerlich in seinen Bann zieht.

Es passt zu diesem Abend, dass Queen einige Songs im Repertoire hat, denen eine herzzerreißende Melancholie innewohnt. Die heimlichen Highlights zwischen fulminanten Brettern wie "We Are The Champions", "Don't Stop Me Now" oder "I Want It All" sind die ruhigen Momente. Als Brian May solo und mit der Akustikgitarre "Love Of My Life" anstimmt, explizit dem verstorbenen Freund Freddie Mercury gewidmet, greifen zahlreiche Konzertbesucher nach ihren Taschentüchern. Und Adam Lambert brilliert bei "Who Wants To Live Forever" mit einer vokalen Glanzleistung, die noch dadurch verstärkt wird, dass er nur als Silhouette zu sehen ist – und so für einen Moment eben doch zu Freddie wird.

In Mercurys Solo-Hit "The Great Pretender" heißt es: "I seem to be what I'm not you see [...]  Pretending that you're still around." Genau das ermöglicht Adam Lambert dem Publikum - und auch seinen Bandkollegen: Sich gut zwei Stunden einfach mal einzubilden, dass es Queen noch immer in seiner ursprünglichen Form gäbe. Und dann zu dem Ergebnis zu kommen, dass "+ Adam Lambert" natürlich nur eine Ersatzdroge ist – aber eine richtig gute.

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