AZ-Konzertkritik Guns N' Roses in München: Epochale Totenmesse für die 80er und 90er

Von wegen "Not in this lifetime" – Axl Rose und Slash sind wieder gemeinsam auf Tour. (Archivfoto) Foto: imago/GlobalImages

Mehr als zwanzig Jahre mussten Fans auf die Reunion von Guns N' Roses warten. Es hat sich gelohnt!

München - Es ist ein wenig so, als sei man aus einer Zeitmaschine getreten: Das Olympiastadion wirkt an diesem Dienstagabend nicht ganz so abgehalftert wie sonst, die Kleidung der Leute stammt direkt aus den 80ern und 90ern und dann erklingen plötzlich auch noch Klänge wie aus längst vergangenen Tagen. 

Nach mehr als 20 Jahren sind Guns N' Roses wieder in (annähernder) Originalbesetzung auf Tour und zum Konzertauftakt in München spielen sie auch gleich einen ihrer ältesten Songs: "It's So Easy" vom Debutalbum "Appetite For Destruction" ist Rock wie er sein sollte, nicht Rock wie er heutzutage von weichgespülten Casting-Bands runtergeleiert wird. 

Es braucht nur ein paar Takte und schon bebt das altehrwürdige Stadion. Ohne Pause geht es mit dem zweiten "Appetite"-Track "Mr. Brownstone" weiter, bevor dann mit "Chinese Democracy" wieder ein Gang runtergeschaltet wird. Der Song vom gleichnamigen Axl-Rose-Album ist zwar nicht halb so schlecht, wie oft behauptet wird, aber natürlich auch meilenweit von dem Niveau entfernt, das man nach gefühlten hundert Jahren Entwicklungszeit erwartet hatte. 

Macht nichts, denn nochmal kurz ein paar Minuten zum Durchatmen sind gar nicht verkehrt. Dann geht es so richtig los - Slash zeigt, weshalb Guns N' Roses ohne ihn unvollständig sind und lässt eines der bekanntesten Gitarren-Intros aller Zeiten in einer extra langen Version vom Stapel: "Welcome To The Jungle!" Damit ist das Motto für den Rest des Abends gesetzt, das Publikum rastet aus, als wenn wir alle nochmal Anfang 20 wären und in einem gewaltigen Tour-de-Force-Ritt geht es die nächsten knapp drei Stunden durch eines der legendärsten Rock-Portfolios. 

Kollektive musikalische Ekstase

Slash und seine Gibson - eine Liebesbeziehung der besonderen Art.
Slash und seine Gibson - eine Liebesbeziehung der besonderen Art. Foto: imago/ZUMA Press

Und immer wieder ist es Slash, der diesen Abend prägt. Man spürt, dass hier ein Großmeister seiner Zunft sein gesamtes Können zelebriert und lauscht gebannt den virtuosen Gitarren-Soli, die ganz ohne unterstützende Worte auskommen. Axl Rose mag der Frontmann sein, doch Slash bereitet ihm erst die Bühne, die er braucht, um zur Höchstform aufzulaufen. Rose scheint das zu wissen und lässt Slash fast jeden Song ausgiebig, ja geradezu exzessiv, interpretieren. Zur Halbzeit des Konzerts legt Slash dann ein gigantisches Solo hin, das einen fast vergessen lässt, dass Guns N' Roses aus mehr als nur einem Gitarristen bestehen.

Wenn er den stets gut behüteten Kopf in den Nacken legt, die Gitarre phallisch nach oben reckt und den Mund halb öffnet, als sei er in orgasmischen Sphären, dann überträgt sich dieses Gefühl auf die Massen und gemeinsam steuert man einem gigantischen musikalischen Höhepunkt entgegen. Und doch merkt man plötzlich, dass das alles im wahrsten Sinne des Wortes nur das Vorspiel war: Nach fast zehn Minuten Slash pur gehen die letzten Takte des Solos in die ersten von "Sweet Childe Of Mine" über – und das Stadion explodiert in kollektiver musikalischer Ekstase.

Wer nicht mit "Appetite For Destruction" und "Use Your Illusion" aufgewachsen ist, der ist auch nicht im Olympiastadion – und alle anderen rocken sich an diesem warmen Sommerabend in einen nostalgischen Trance. Axl, Slash, Duff & Co. zelebrieren mit Mikrofon, Gitarre, Bass und Schlagzeug eine gewaltige Gedenkmesse für eine Zeit, in der man Musik mit dem Walkman statt dem Handy hörte und Bob Dylans grandioses "Knocking On Heavens Door" noch nicht durch Til Schweiger vorbelastet war. 

Etwas weniger emotional betrachtet war das natürlich auch eine Zeit, in der Axl Rose ein paar Kleidergrößen weniger brauchte und Slashs Mähne auch ohne chemische Hilfe schwarz schimmerte. Aber all das trifft auf mich ebenso zu und an diesem Abend geht es nunmal nicht darum, ob man in Würde gealtert ist, sondern darum, noch einmal jung zu sein.  

Und genau dieses Gefühl vermitteln Guns N' Roses perfekt. Es sind die Hymnen unserer Jugend, die hier das Stadion wackeln lassen und irgendwie sind alle Texte auf einmal wieder da. "Not In This Lifetime" – nicht mehr in diesem Leben, hieß es, werden Guns N' Roses nochmal zusammen auf der Bühne stehen. Nun ist es doch passiert und das wird gefeiert. Kraftvoll und sentimental verklärt – und bei "Black Hole Sun" von Soundgarden, deren Frontmann Chris Cornell nun wieder mit Kurt Cobain grunged, auch mal etwas melancholisch. Man hebt mit 60.000 anderen die Hände wie zum Gebet gen Himmel und schmettert ein letztes Mal den Refrain von "Paradise City" in den Münchner Nachthimmel. Für einen kurzen Augenblick wird die Zeit nicht nur angehalten, sondern zurückgedreht. 

Wenn man dann am Ende brutal ins Hier und Jetzt zurückgerissen wird, dann sind die 80er und 90er wohl endgültig vorbei. Zumindest, bis man zur völlig überfüllten U-Bahn kommt – denn dort liegen einem dann sofort wieder Axls zeitlose Worte auf den Lippen: "You're in the jungle, baby! You're gonna die!"

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