AZ-Kinokritik "Eine bretonische Liebe": Im Beziehungstango

, aktualisiert am 21.12.2017 - 10:46 Uhr
Der bärige Erwan (François Damiens) und die selbstbewusste Anna (Cécile De France) in der romantischen Komödie mit Irrungen-Wirrungen. Foto: Arsenal Film/dpa

Das können die Franzosen: Carine Tardieus leicht und doch klug erzählte – fast wahre – Geschichte "Eine bretonische Liebe". Die AZ-Kinokritik.

"Man kann sich seine Familie nicht aussuchen", heißt es lapidar. Aber es ist wohl ein ziemlicher Schock, wenn man mit über 40 zufällig erfährt, dass der geliebte Vater nicht der leibliche ist.

So ergeht es dem verwitweten Minenentschärfer Erwan. Die von ihm beauftragte Detektivin findet den 70-jährigen Joseph, der seine Mutter wahrscheinlich bei einem Fest vor ihrer Hochzeit kennengelernt hat, sich aber nicht mehr genau erinnert. Während sich der erwachsene Mann dem "neuen" Vater annähert, ahnt sein Ziehvater intuitiv, dass sein Spross vielleicht doch nicht der leibliche Sohn ist.

Um das Chaos perfekt zu machen, verguckt sich der Witwer ausgerechnet in die hübsche Ärztin Anna, Josephs Tochter und womöglich seine Halbschwester. Was anfänglich beide nicht wissen. Wer jetzt übertriebene Verstrickungen einer in der Bretagne spielenden turbulenten Boulevardkomödie befürchtet, wird positiv enttäuscht. Carine Tardieu ließ sich vom Schicksal eines Freundes inspirieren und serviert eine köstliche Mischung aus romantischer Lovestorys und schmerzender Identitätssuche.

Schon zu Beginn hatte sie das Bild eines Mannes im Kopf, der tief in der Erde etwas ausgräbt und damit endet "eine Bombe explodieren zu lassen", die hier sämtliche Beziehungen durcheinander rüttelt. Das Graben in der Vergangenheit bringt explosive Geheimnisse ans Tageslicht, die auch Ausbruch und Neustart ermöglichen. Es fehlt dem Film nicht an deftig-trockenem Humor und Sinn für Situationskomik, gleichzeitig dominieren leise Töne, hält Tardieu die notwendige Balance.

So schafft sie es, mit witziger Wahrhaftigkeit auch eine zweite Vatergeschichte zu erzählen, nämlich die von Erwans schwangerer Tochter, die den Erzeuger eisern verschweigt: ein One-Night-Stand und Einfaltspinsel, der sich nach der Geburt jedoch verantwortungsbewusst zeigt. Die Überzeichnung dieser Figur ist der einzige Wermutstropfen im ansonsten perfekt austarierten Spiel der Gefühle. Jedem Charakter kann man etwas Sympathisches abgewinnen, die Männer sind trotz ihrer Schwächen und der durchsetzungsfähigen Frauen keine schlappen Verlierertypen.

Wie die belgischen Stars Cécile de France als selbstbewusste Anna und François Damiens als gutmütiger bretonischer Bär ihren schwierigen Beziehungstango wagen und André Wilms (aus Aki Kaurismäkis "Le Havre") als verwirrter Joseph die Situation noch verkompliziert, das gibt einen kleinen Stich ins Herz und ist zugleich von befreiender Leichtigkeit.


Kino: City, Monopol sowie Isabella und Theatiner (OmU) | R: Carine Tardieu (F, 100 Min.)

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