AZ-Interview OB Ude: Seine ultimative Jahres-Bilanz

Ein Prost auf den nahenden Ruhestand! OB Christian Ude ist schon voller Vorfreude. Foto: Schramek

Am 30. April ist Schluss – dann geht Christian Ude definitiv als OB in Pension. In der AZ spricht er über seinen ersten Tag in Freiheit.

 AZ: Herr Ude, jetzt ist es wirklich das letzte Weihnachtsinterview ...

CHRISTIAN UDE: ... im Amt.

Wie ist das für Sie, wenn nach 20 Jahren als OB und 23 Jahren im Rathaus jetzt alles zum letzten Mal ist?

Bei mir ist immer noch keine Melancholie gekommen, obwohl es tatsächlich manchmal drei letzte Male pro Tag gibt. Da fällt erst auf, wie viel man zu bewältigen hat. Das letzte Wiesnfinale, das letzte Mal Christkindlmarkt eröffnen. Das wird nur wettgemacht durch die vielen Antrittsbesuche, die ich bei den städtischen Kliniken mache, wo ich als der neue Aufsichtsratsvorsitzende begrüßt werde.

Der bewegendste Moment?

Am letzten Wiesnabend in der Bräurosl. Als dann die Musiker „Il Silenzio“ spielten, das Licht erlosch und kleine Leuchten angingen. Da bekomme ich schon eine Gänsehaut – und da hab ich auch nah am Wasser gebaut. Aber – ich habe es schon oft gesagt (lacht laut) ...

... und sind doch 2008 wieder angetreten ...

Aber heute stimmt es wirklich: Ich bin der Meinung, dass 20 Jahre wirklich genug sind. Und wenn dann die Schlussbilanz so gut ausschaut, wie es der Fall ist, geht man auch mit einem befriedigenden Gefühl.

Was bleibt in der Schlussbilanz nach dem 1. Mai 2014?

In meinem Bewusstsein ist das jüdische Zentrum am St.-Jakobs-Platz wichtiger als die Neue Messe. Denn dass die ehemalige Hauptstadt der Bewegung jetzt im Herzen der Stadt dem Judentum eine Zukunft bietet, das ist für mich persönlich das Wichtigste. Ich finde aber auch 110.000 neue Wohnungen beachtlich. Ich verbeuge mich schon jetzt vor jedem Nachfolger, der mehr schafft. Und ich bin auch mit 30 zusätzlichen U-Bahnkilometern und 20 Prozent Erweiterung des Trambahnnetzes sehr zufrieden.

Was macht das für Sie aus?

Ich glaube, die Infrastruktur der Stadt und die neuen Kulturbauten haben die Stadt kulturell reicher gemacht. Da war zuletzt das Lenbachhaus, vorher die Stuckvilla oder die Kammerspiele, und nächstes Jahr wird das umgebaute Deutsche Theater wieder eröffnet und im im selben Jahr noch das NS-Dokuzentrum.

In Zeiten, in denen andere Städte an Kultureinrichtungen sparen...

Wohl wahr! Aber die Münchner messen die Realität an den noch weiter reichenden Wünschen und nicht an der Realität anderer Städte.

Haben Sie es bereut, 2008 noch einmal sechs Jahre drangehängt zu haben? Ihre Lebensplanung war anders.

Nein. Meine Frau hätte gern mehr eheliche Gemeinsamkeiten erlebt, das ist schon richtig. Aber in diesen sechs Jahren ist noch wahnsinnig viel auf den Weg gebracht worden. Ich möchte da kein Jahr missen.

Was war seither die größte Enttäuschung?

Eine Enttäuschung war, obwohl ich alles andere als ein Sportfan bin, dass der lange Hürdenlauf zu einer erfolgreichen olympischen Bewerbung am Ende mit einer Bruchlandung aufhörte. Wobei ich den Groll der Olympiagegner gegen die Art und Weise der internationalen Sportevents und ihrer Anforderungen immer besser verstehe.

Kann man sich gegen solche Knebelverträge nicht wehren?

Wir werden bei der Fußball-EM 2020 sehen, ob die kommunale Selbstverwaltung noch gegen die Anforderungen der internationalen Sportwelt verteidigt werden kann.

Was meinen Sie damit?

Im Prinzip werden den Kommunen immer mehr Pflichten aufgebürdet, die sie nicht erfüllen können, und Lasten, die sie tragen sollen. Da muss eine Neujustierung erfolgen: Was kann der Sport von der Stadt verlangen, was muss die Stadt für den Sport tun? München war immer eine besonders sportbegeisterte Stadt, aber es gibt Grenzen.

Wenn die Forderungen so bleiben, will München dann keine EM?

Wir haben unser Interesse bekundet und haben die Verträge jetzt zugeschickt bekommen. In denen ist im negativen Sinn des Wortes noch viel ,olympischer Geist’ drin.

Zu diesen Konditionen wollen Sie also keine EM?

Das entscheidet der Stadtrat, aber es wird für ihn wahrheitsgemäß aufbereitet werden.

Sie hatten zwei Jahre Wahlkampf für die Landtagswahl im September eingeschoben. Hat sich das gelohnt?

Uneingeschränkt: Ja. Obwohl das Hauptziel nicht erreicht wurde. In München war es im Sommer 2011 so, dass der SPD prophezeit wurde, sie werde – wie es bei Europawahlen schon zweimal geschehen war – aus dem Wahljahr 2013 als dritte Kraft hinter den Grünen hervorgehen.

Und jetzt?

Wir haben ein richtig solides Fundament für die Kommunalwahlen im März 2014 geschaffen, und 6,8 Prozent Zuwachs für die SPD-Liste ist eine Zahl, die man herzeigen kann. In anderen Fällen würde man von einem Erdrutsch reden. Auf Landesebene ist zwar das Ziel des Regierungswechsels verfehlt worden. Aber der zwei Jahrzehnte andauernde Abwärtstrend der SPD ist gestoppt worden. Es gab eine Kehrtwende, weil es zum ersten mal wieder Stimmenzuwachs gab: über 460000 Stimmen mehr in Bayern.

Die Wähler haben aber auch gesehen, dass sich der „strahlende Held“ Christian Ude vor den Rappelkasten Bayern-SPD gestellt hat.

Es hat einige Rappler gegeben, und die ersten Triumphe in den Umfragen haben nicht lange ihre Leuchtkraft behalten. Das will ich überhaupt nicht in Abrede stellen. Trotzdem war es ein Zuwachs und eine Kehrtwende. Die Bayern-SPD stellt seit der Bundestagswahl eine Woche später sechs Bundestagsabgeordnete mehr. Das ist schon ein Scherflein dazu, dass die SPD in Berlin ein Regierungspartner geworden ist. Ohne Bayern wäre das nicht möglich gewesen.

Aber Sie haben in den zwei Jahren im Rathaus gefehlt.

Im Gegenteil, ich habe vieles für München nur dank der Kanditatur durchsetzen können. Vor allem die Fortschritte beim Mietrecht. Möglich wurde das, weil die CSU bei dem Thema eine offene Flanke befürchtete. Mit Resolutionen, Bittbriefen und Kundgebungen hätte ich nicht so viel Fortschritt für die Mieter erzwingen können als mit der Kandidatur.

Danach haben Sie im November den Bürgerentscheid Olympia grandios verloren.

War ich da wirklich allein? Ich habe mich etwas gewundert, wie schnell die Staatsregierung, die früher mal wie ein Granitfelsen in der Landschaft stand, sich in die Büsche schlägt, wenn man vor einer Niederlage davonlaufen muss. In meinem Verständnis war Olympia auch ein Projekt der Staatsregierung, die dritte Startbahn sogar ihr ureigenstes Projekt.

Wie ist denn Ihr Gefühl für die Stadtrats- und OB–Wahl am 16. März?

Ich bin nicht nur optimistisch, sondern sicher, dass der SPD-Kandidat Dieter Reiter die Wahl gewinnt. Wahrscheinlich erst im zweiten Wahlgang am 30. März, weil er im Wettbewerb aller politischen Parteien steht. Aber die Stadtratswahl wird viel spannender.

Die CSU buhlt schon um die Grünen. Wenn das klappt, wird es nach 24 Jahren das Aus für Rot-Grün.

Nur weil einer um die Braut buhlt, muss eine Ehe nicht geschieden werden. Ich schließe jede Wette ab, dass das Liebenswerben der CSU nicht erfolgreich sein wird. Die Gegensätze sind nicht mehr so krass wie früher beim Aids-Maßnahmekatalog, beim Atom-Streit oder der Unterschriftensammlung gegen die doppelte Staatsbürgerschaft.Die CSU hat sich etwas zivilisiert, aber das ist keine Gemeinsamkeit für eine Regierung.

Schauen wir nach vorne. Was macht Ude am letzten Arbeitstag? Nur Sekt trinken?

Nein, da habe ich noch drei Aufsichtsratssitzungen.

Und am 1. Mai, dem ersten Tag in Freiheit?

Dann bin ich als Alt-OB morgens im Publikum bei der Kundgebung am Marienplatz. Danach genieße ich die Freiheit, das zu machen, was beim jeweiligen Wetter am Schönsten ist. Eine kleine Radltour und abends Krimi im Fernsehen anschauen oder Freunde einladen.

 

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