Flüchtlingskriminalität Kriminologe Pfeiffer: "Frauen zivilisieren die Männer"

, aktualisiert am 03.01.2018 - 18:36 Uhr
Flüchtlinge als Tatverdächtige: Bei einer Razzia in einer Asylbewerberunterkunft untersucht ein Polizist den Turnschuh eines Afrikaners. Im kleinen Bild: Kriminologe Christian Pfeiffer. Foto: dpa/AZ

Eine neue Studie zeigt: Die Migration hat zu einem Anstieg der Kriminalität geführt. Experte Christian Pfeiffer plädiert genau deshalb für einen behutsamen Familiennachzug.

München - Die AZ hat mit Christian Pfeiffer gesprochen. Der promovierte Jurist (73) war viele Jahre Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und von 2000 bis 2003 für die SPD niedersächsischer Justizminister.

AZ: Herr Professor Pfeiffer, Ihre Studie belegt einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Gewaltkriminalität in Niedersachsen und dem Zuzug von Flüchtlingen. Sind diese Menschen tatsächlich krimineller als Deutsche?
CHRISTIAN PFEIFFER: Das ist wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Flüchtlinge sind ohne Heimat, ohne Arbeit, oft ohne Familie in einer fremden Welt und sehr unsicher, wo es langgehen soll. Das sind alles Krisenbelastungen, die dazu beitragen können, dass es zu Gewalttaten kommt. Wer glaubt, sie sollten gleich sein mit den Deutschen, liegt schon im Grundsatz verkehrt, weil er nicht verstanden hat, wie Kriminalität entsteht. Man wird nicht als Krimineller geboren, man wird durch Rahmenbedingungen dazu gemacht. Diese sind für Flüchtlinge zunächst einmal kriminalitätsfördernd – aber: es gibt einen Hoffnungsschimmer.

Welchen?
Die große Gruppe der Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan. Die verhalten sich angepasst und sind unterproportional beteiligt an der Gewaltkriminalität. Ein Beispiel: Kriegsflüchtlinge machen in Niedersachsen 54 Prozent aller Flüchtlinge aus – aber nur 16 Prozent der Tatverdächtigen bei Raubdelikten, die Flüchtlingen zugeschrieben werden. Völlig anders verhält es sich mit den jungen Männern, die aus Nordafrika kommen. Das sind 0,9 Prozent unserer Flüchtlinge – aber 31 Prozent derer, die wir eines Raubes verdächtigen.

Worauf führen Sie das zurück?
Der entscheidende Unterschied sind die sozialen Chancen. Die Kriegsflüchtlinge haben wir ganz klar mit dem Ziel aufgenommen, ihnen vorübergehend eine Heimat zu bieten. Ihnen geben wir Deutschkurse und Praktika, sie haben eine hohe zivilgesellschaftliche Unterstützung. Denen geht es hier ziemlich gut und deshalb sind sie ziemlich brav. Völlig anders aber die Chancenlosen, die gleich nach der Ankunft erfahren: Euch wollen wir nicht. Die haben aber auch ihr Leben riskiert, ebenfalls fürchterlich viel Geld für Schlepper bezahlt. Sie kamen mit denselben Erwartungen und Hoffnungen – und sind massiv enttäuscht worden. Ihre Wut darüber haben sie in der Silvesternacht von Köln deutlich gezeigt. Das sind die beiden Extreme, die wir haben: eine kleine hoch problematische Minderheit – und die Mehrheit, bei der es ziemlich gut läuft.

Welche Rolle spielt die Unterbringung der Geflüchteten?
Eine große. Wir hatten extrem viel Gewalt innerhalb der Flüchtlingsszene: Wenn Sunniten auf Schiiten, wenn Feinde aus der Heimat aufeinandertrafen – und hier in einer Turnhalle friedlich miteinander umgehen sollten. Das war nicht zu vermeiden, aber das hat sehr zu Gewalttaten beigetragen. Ich bin sicher, dass dieser Typus von Gewalttaten stark rückläufig ist, weil wir den Flüchtlingen inzwischen weit bessere Wohnmöglichkeiten bieten können.

Laut Statistik sind zwei Drittel der Migranten männlich. Sie haben dem "Fehlen der Frauen" ein eigenes Studien-Kapitel gewidmet. Warum?
Weil dieser Aspekt unterschätzt wird. Wir wissen: Je höher der Frauenanteil in einer Flüchtlingsgruppe ist, umso niedriger ist die Gewaltrate der Männer. Frauen haben eine zivilisierende Wirkung auf die Männer. Ist die Mutter dabei, die Schwester, die Frau oder Freundin, ergeben sich andere Lebensperspektiven. Die jungen Kerle hängen nicht mehr mit ihren Macho-Freunden herum, sondern sind familienorientierter.

Was bedeutet das für das Thema Familiennachzug?
Wenn der Staat sich entscheidet, dass man Flüchtlinge mit Bleibeperspektive in Deutschland integrieren will, plädiere ich für einen behutsamen Einstieg dazu und eine schrittweise Ausweitung, wenn es sich bewährt und die zu erwartenden Erfolge eintreten.

Was wäre noch notwendig, um Flüchtlinge zu integrieren?
Die Kanadier haben ein tolles Einwanderungsgesetz. Vielleicht kommt das ja auch bei uns – und dann sollten wir dabei so klug sein wie diese: Sie bieten den 60.000 Flüchtlingen, die sie aus arabischen Ländern geholt haben, an, Kanadier werden zu können, wenn sie gewisse Bedingungen erfüllen: die Sprache lernen, im Arbeitsmarkt unterkommen, sich selbst ernähren können. Sie unterstützen dabei und das schafft Anreize für die Flüchtlinge, sich richtig anzustrengen bei der Integration, zu büffeln – und keine Gewalttaten zu begehen. Diese Option sollten auch wir Flüchtlingen eröffnen, die ein Bleiberecht haben.

Was sagen Sie als Kriminologe zu Arbeits- und Ausbildungsverboten wie sie in Bayern für Menschen mit geringer Bleibewahrscheinlichkeit häufig ausgesprochen werden?
Völlig verkehrt! Falsch gedacht! Man muss ja Realist sein: Ein Teil von ihnen wird uns bleiben – auch von denen, denen wir jetzt keine Perspektive eröffnen. Diese Menschen sollen nicht in der Schwarzarbeit verkümmern und sich ausbeuten lassen. Es ist immer richtig, in Menschen zu investieren. Das zahlt sich aus, weil diese Menschen durch Fähigkeiten Selbstachtung und Perspektiven bekommen – und dann muss man das koppeln mit einem riesigen Rückkehrprogramm.

Wie soll das aussehen?
Wer in Deutschland etwas gelernt hat, hat bessere Chancen, in Tunesien oder Marokko einen Job zu finden. Was wir deshalb jetzt brauchen – und das hat die CSU aus meiner Sicht erkannt – sind gewaltige Entwicklungshilfe-Investitionen in den Ländern, aus denen unsere nichtgewollten Flüchtlinge kommen. Wenn deutsche Firmen günstige Investitionsbedingungen in Marokko erhalten, dort große Betriebe aufbauen, dann können wir den Flüchtlingen etwas bieten. Dann macht es Sinn, hier in sie zu investieren, damit sie zuhause einen Job finden.

Ein solches Programm dürfte aber teuer werden.
Es würde mindestens eine Milliarde Euro kosten. Aber wir haben 35 Milliarden Überschuss, weil der Staat weniger ausgibt, als wir Steuern zahlen. Es wäre richtig, einen Teil davon dafür zu verwenden – für unsere Innere Sicherheit einerseits und andererseits für eine vernünftige Lösung des Flüchtlingsproblems.

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