Josef Schmid (CSU) ist jetzt Münchner Bürgermeister und Wirtschaftsreferent. Aber glücklich ist er in seinem Umfeld noch nicht: Die städtische Technik ärgert ihn: „Vorurteile, die man als Normalbürger gegenüber der Verwaltung hat, werden bestätigt.“ Das große AZ-Interview.

München -  Eigentlich hat Josef Schmid (45) jetzt das Ziel erreicht, auf das er in acht Jahren Dauer-Wahlkampf als CSU-Spitzenkandidat in München hingearbeitet hat. Aber eben nur eigentlich. Er wollte schließlich Oberbürgermeister werden – und das hat Schmid, den Freunde Seppi nennen, nicht geschafft. OB ist nun Dieter Reiter (SPD), Schmid hat sich – zur Überraschung manchner Wegbegleiter, die um seinen Ehrgeiz wissen – mit dem Posten des Zweiten Bürgermeisters begnügt (und, nebenbei, mit dem Büro des bisherigen Dritten Bürgermeisters, Hep Monatzeder von den Grünen).

Seit Dienstag ist Schmid nun auch noch Referent für Wirtschaft und Arbeit. Für seine Arbeit als Jurist in der Kanzlei bleibt ihm nun keine Zeit mehr. Immerhin aber für ein AZ-Interview in seinem neuen Dienstzimmer.

AZ: Herr Schmid, Sie waren Rechtsanwalt, jetzt sind Sie Zweiter Bürgermeister. Finanziell ist das keine Verbesserung, oder?

JOSEF SCHMID: Nein.

Wie also fühlt sich das an?

Zum ersten Mal habe ich mir ein Beispiel an Ex-OB Christian Ude genommen und mit meiner Kanzlei vereinbart, dass ich als Anwalt dorthin zurückkehren kann. Nach acht Jahren als OB-Kandidat der CSU wollte ich eigentlich nie Zweiter Bürgermeister sein. Aber nach der Wahl ist mir von vielen Seiten Anerkennung entgegengeschlagen für einen guten und modernen Wahlkampf und für meine Person. Niemand sah offenbar in mir einen Wahlverlierer. Auch in der Partei gab es ein Hochgefühl und viel Zuspruch für mich. Das hat mir gut getan. Dann wurde mir klar, dass die beiden Großen im Rathaus – die CSU als stärkste Fraktion mit der SPD – die Herausforderungen zusammen anpacken sollen. Und jetzt: macht es mir Spaß, das anzugehen.

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Welcher Moment hat das ausgelöst?

Der kam erst spät. Aber schließlich mündete es im CSU-Parteitag, an dem ich eine Rede hielt, donnernden Applaus bekam und viel Rückhalt dafür, dass die CSU nach über 20 Jahren endlich wieder in Regierungsverantwortung steht in München. Zeitgleich erging sich die SPD in Diskussionen, in denen sich auch Alt-68er und Jusos zu Wort meldeten, die nur ideologisch diskutierten. Das war am 19 Mai – dem Geburtstag meiner Frau Natalie und von Dieter Reiter.

Da werden Astro-Fans aber aufhorchen. Welche Eigenschaften haben Ihre Frau und Dieter Reiter denn gemeinsam?

Ich habe gehört, da kommt es auf den Aszendenten an.

Dieter Reiter war zwei Jahre Ihr schärfster Rivale im OB-Wahlkampf. Jetzt müssen Sie miteinander können. Wie klappt das?

Persönlich problemfrei. Wir schätzen uns als Menschen, das war schon vorher so. Gleich zu Beginn des Wahlkampfes hat uns ein Gastgeber mal mitsamt unseren Frauen an einen Tisch gesetzt. Es war ein munterer, heiterer Abend – der mit den Udes wohl so nicht möglich gewesen wäre. Um Ude war immer so eine Kälte-Wand.

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Gehen der OB und der Zweite Bürgermeister zusammen ein Bier trinken?

Das haben wir bisher wegen der vielen Arbeit nicht geschafft, kann ich mir aber vorstellen.

Der OB hat jetzt eine Sieben-Tage-Woche, sagt er. Und Sie?

Ich habe bereits seit acht Jahren eine Sieben-Tage-Woche. Ich terminiere rückwärts: Normal ist, dass ich einen Termin habe. Daher plane ich die Zeit für meine Familie ganz gezielt. Ich schlafe fünf Stunden pro Nacht. Gestern war ich mal um elf im Bett, also bin ich um vier aufgestanden.

Klingt anstrengend.

Viel beschwerlicher macht mir mein Leben die technische Ausstattung der Stadtverwaltung. Während im Wirtschafts-Leben ein einziges Programm reicht, um Mails, Kontakte und Termine zu vernetzen, ist das alles jetzt viel schwieriger. Es spricht Bände, wenn die Verwaltung für Dieter Reiter und mich einen externen Mailserver einrichten muss, damit der E-Mailverkehr auf den Smartphones der beiden Spitzenleute der Stadt überhaupt funktioniert. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Und das ist auch etwas, wo wir ansetzen müssen: Dass Referenten, Ingenieure, Architekten, die für die Stadt arbeiten, mit dem Rest der Welt auf technisch gleichem Niveau kommunizieren können.

Klingt peinlich.

Es ist ärgerlich. Da werden Vorurteile, die man als Normalbürger gegenüber der Verwaltung hat, bestätigt. Da ist das ganze Thema Limux (das städtische Computer-Betriebssystem, d. Red.), den Anwender-Programmen fehlen zahlreiche Funktionen, die sonst gängig sind und vieles ist nicht kompatibel mit den Systemen außerhalb der Verwaltung. Ich habe vier Wochen auf mein Smartphone gewartet und als ich es endlich hatte Glückwünsche vom Oberbürgermeister bekommen – denn bei ihm hat es noch länger gedauert.

Au weia.

Das ist nicht hinnehmbar. Und das Thema werde ich auch angehen, sobald mein Büro voll funktioniert. Vieles muss einfacher, moderner, schneller gehen hier. Die Straffung der Strukturen ist ja auch wichtig für andere Ziele, etwa das Meta-Projekt Wohnungsbau oder die Schulhaussanierungen. Dass diese Themen in den vergangenen Jahren nicht richtig liefen, hängt wohl auch mit den Schnittstellen und Prozessen zusammen.

Es hat zuletzt bereits Vorwürfe gegeben, Sie würden Ihr Bürgermeister-Büro mit zu viel Personal aufblähen. Muss das denn sein?

Zunächst: Es sind nicht vier Stellen, wie behauptet wird, sondern eine Büroleiterin und eine Sekretärin. Das ist eine maßvolle personelle Ergänzung. Ich will anpacken, Veränderungsprozesse anstoßen, etwas für die Menschen in München bewegen, für sie ansprechbar bleiben. Dafür brauche ich ein leistungsfähiges, gut organisiertes Büro.

Woran wird der Münchner bis, sagen wir mal, zum Jahresende bemerken, dass die CSU in München mitregiert?

Ein halbes Jahr ist für große Dinge sehr kurz. Mal zwei Beispiele, im Großen und im Kleinen. Als Leiter des Bauausschusses habe ich in meinem Kick-off-Gespräch mit Frau Hingerl (Baureferentin, d. Red.) die möglichst rasche Verlängerung der U5 von Laim nach Pasing besprochen. Dieses Projekt trägt unsere Handschrift. Und im Kleinen: Es soll ein Grundstück verkauft werden, das für ein Bürgerhaus relevant wäre – das habe ich gestoppt.

Sie sind zudem Wirtschaftsreferent. Haben Sie dieses Amt gewählt, weil Sie an Ihrem Vorgänger Dieter Reiter gesehen haben, dass es mit der Zuständigkeit für die Wiesn eine gute Bühne für den nächsten OB-Wahlkampf ist?

Die Wiesn hat bei dieser Überlegung keine Rolle gespielt.

Aber das macht Sie bekannt – gerade mit Blick auf die nächste Wahl. Das wissen Sie doch!

Ich bin seit acht Jahren OB-Kandidat der CSU, ich habe bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Stadt. Das Referat für Arbeit und Wirtschaft ist für mich einfach ein wichtiges, facettenreiches Betätigungsfeld, auf dem ich CSU-Politik erkennbar umsetzen kann. Wir können beim Thema Europa die Daseinsvorsorge verteidigen, beginnend beim Kampf gegen die Privatisierung des Wassers. Dazu kommt die klassische Wirtschaftsförderung, das Thema zweiter und dritter Arbeitsmarkt. Plus die Beteiligungs-Steuerungen der Stadt, etwa bei den Stadtwerken, dem Flughafen, der Messe: Die Betreuung dafür hat dieses Referat. Hier kann ich mitgestalten.

Aber OB wollen Sie schon noch werden?

Das steht im Moment nicht zur Debatte. Jetzt wollen wir Vorhaben umsetzen. Was in sechs Jahren ist, weiß keiner. Dann wird es darauf ankommen, wer bis dahin seine Aufgaben am besten umgesetzt hat.