AZ-Interview Hufnagel: "Viele haben Angst, etwas zu verpassen"

Es muss doch noch mehr geben als Selfies und vegane Ernährung: Isi (Luise Heyer, links) übt sich mit Ende 20 noch im Erwachsenwerden.Jung-Regisseurin Helena Hufnagel (eingeklinkt) ist für ihren Film "Einmal bitte alles" ausgezeichnet worden. Foto: filmschaft maas & füllmich

Die junge Regisseurin Helena Hufnagel hat für ihren Film "Einmal bitte alles" den VGF-Förderpreis gewonnen. Im AZ-Interview spricht sie auch darüber, welche Parallelen es darin zu ihrem eigenen Leben gibt.

München - Die 27-jährige Isi steckt in einer sauberen Quarter-Life-Crisis: Die ständigen Praktika führen ins Nichts, ihr Traum, Illustratorin zu werden, wird immer illusorischer. Ihre beste Freundin Lotte interessiert sich nur noch für ihren Latin Lover-Freund und wird plötzlich auch noch zur spießigen Karrieristin.

Aus der WG muss Isi raus, aber für eine Rückkehr zu den Eltern ist’s zu spät. Da bleiben nur noch die Bruchbude von Kumpel Klausi und wachsende Verzweiflung. Die junge Regisseurin und Produzentin Helena Hufnagel erzählt in "Einmal bitte alles" auf leichte Weise von den Schwierigkeiten ihrer Generation, einen Platz im Leben zu finden.

Dafür hat sie jetzt den hochdotierten Nachwuchsproduzentenpreis der Verwertungsgesellschaft VGF bekommen. Er wird beim Bayerischen Filmpreis im Januar verliehen.

Helena Hufnagel (27) hat Produktion an der HFF München studiert. Ihr Dokumentarfilm "Erntefaktor Null" lief auf über 50, ihr Kurzfilm "Willa" auf über 45 Festivals. Das AZ-Interview.

Frau Hufnagel, das Leben als junge Filmproduzentin und Regisseurin ist sicher nicht leicht. Wie ist's, 60.000 Euro auf die Hand zu kriegen?
HELENA HUFNAGEL: Ich werde das Geld nutzen, um zusammen mit meinen Koproduzenten Folgeprojekte anzustoßen und voranzutreiben. Die Entwicklung des Drehbuchs ist immer ein langwieriger, aber sehr wichtiger Prozess. Für mich ist es wichtig, diese Entwicklung und den Casting-Prozess mit dem Geld zu finanzieren. Wir könnten uns diese Vorkosten sonst nicht leisten.

Das Geld ist nicht zweckgebunden, sie könnten auch einen Luxus-Urlaub machen.
Das sagen alle immer: Mach doch eine Weltreise! Aber ich will gar keine machen, ich habe noch so viele Geschichten im Kopf. Ich habe das nächste Drehbuch geschrieben, ich will einfach den nächsten Film drehen.

Worum wird es darin gehen?
Es wird eine Mutter-Tochter-Tragikomödie, im Stil von "Lost in Translation". Ich weiß, das ist ein fast unerreichbares Vorbild. Generell interessieren mich Geschichten mit starken Frauenfiguren.

Isi, die Protagonistin ihres Siegerfilms „Einmal bitte alles“, fühlt sich zwischendrin nicht so stark. Sie steckt zwischen Praktika fest, weiß nicht wohin mit sich und sieht zu, wie andere rechts an ihr vorbeiziehen. Basiert das auf eigenen Erfahrungen?
Ich habe mich Isi total nahe gefühlt, als ich den Film geschrieben habe. Ich dachte immer: Alle machen tolle Filme. Und aus diesem Gefühl heraus, Ende zwanzig zu sein und festzustecken, ist dieser Film entstanden. Ich wollte bei meinem ersten Film etwas machen, womit ich mich auskenne. Und Erwachsenwerden mit Ende Zwanzig gehörte dazu.

Wieso tut sich diese Generation so schwer, irgendwo anzukommen?
Ich denke, dass viele ein Problem mit Entscheidungen haben. Mit dem Titel "Einmal bitte alles" wollte ich ausdrücken, dass man alles will und sich deshalb nicht entscheiden kann. Viele haben Angst, etwas zu verpassen. Und die Angst vor Fehlentscheidungen führt dazu, dass man sich schwer auf etwas einlassen kann.

Wie wichtig ist München in Ihrem Film?
Der Film spielt in München und ich wollte, dass man das merkt. Ich wollte gerne die Orte abseits von Maximilianstraße und Marienplatz zeigen, das München, das ich kennengelernt habe. Die Plätze im Film sind die Orte, an denen ich selber oft bin, Orte, die für mich München ausmachen: keine Schicki-Clubs, sondern die Isarbrücken, über die ich immer radle, oder das Westend, wo viele Freunde von mir wohnen.

Sie haben Produktion studiert, führten aber bei "Einmal bitte alles" auch Regie. Wieso können Sie das?
Regieführen hat viel damit zu tun, Lust aufs Geschichtenerzählen zu haben. Ich habe erst im Journalismus gearbeitet, und da hat es mich fasziniert, Dokumentar-Features zu machen. Mein erster Film war dann ein Dokumentarfilm. Das hat Spaß gemacht, und er war zu meinem Glück nicht unerfolgreich. So konnte ich meinen nächsten Film machen, und nach und nach habe ich das Gefühl bekommen: Geschichtenerzählen ist das, was ich machen möchte. Ich bin dankbar, dass ich das alles ausprobieren durfte.

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