AZ-Interview Gerhard Polt: "Staunen ist ein Wert an sich"

Bekannt geworden ist Gerhard Polt durch die Sketchreihe „Fast wia im richtigen Leben“ des Bayerischen Fernsehens. Foto: dpa

Ein Interview über Humor, Wirtshäuser und Heimat: Am Sonntag feiert der Satiriker Gerhard Polt den 75. Geburtstag.

München - Gerhard Polt geboren 1942 in München. Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Skandinavistik in München und Göteborg. Erster Bühnenauftritt 1975 in der Kleinen Freiheit.

AZ: Herr Polt, so ein nahender Geburtstag, wenn man prominent ist…
GERHARD POLT: Naa, ich bin nicht prominent, ich hab das immer von mir gewiesen. Das Wort prominent stimmt nicht. Es ist ein Unterschied, ob man bekannt ist, weil man in den Medien häufig vorkommt oder auf eine Bühne geht – oder ob man prominent ist. Weil für mich ist prominent eine Rolle oder ein Schuh, den man sich auch anzieht.

Welchen Schuh?
Dann sind manche Leute gern inkogito und laufen mit der Sonnenbrille rum, dass man sie schneller erkennt. Aber es ist eine andere Geschichte, wenn du sagst: Du bist bekannt. Wenn mich manchmal Leute fragen, kann ich ein Autogramm haben, dann sag ich: Ich hab keines da, aber jetzt kennen wir uns ja persönlich. Dann braucht er nicht von mir irgend so eine Unterschrift, wenn ich ihm die Hand reichen kann. Weißt, was ich meine?

Aber dein Leben ist doch bestimmt anders, weil dich in Bayern jeder kennt.
Ich bin mal gefragt worden: Seit wann kennt man Sie? Dann sag ich: Ich hab schon von Kindheit auf Leute gekannt, die mich gekannt haben. Mei, das gibt’s natürlich, dass Leute an dir vorbeigehen und dir zulächeln, und das ist ja nichts Schlechtes.

Aber das Erstaunliche bei dir ist ja, dass du in Bayern quasi bei jedem ankommst – vom Trachtenverein bis zum Publikum der Kammerspiele.
Es ist wahrscheinlich so, wenn Humoristen oder solche Leute – Satiriker, Komiker – es schaffen, dass andere sich das gerne anhören, dann ist es wunderbar. Du verzählst Geschichten, und dann ist das wunderbar, wenn einer zuhört.

Du weigerst dich ja gern, über deinen Humor zu reden. Das einzige, was man aus dir rauskriegt, ist, dass Humor wichtig ist.
Humor ist der Kitt der Gesellschaft. Wenn du Leute fragst: Haben Sie einen Humor? Dann sagen weit über 90 Prozent: Ja. Aber die Frage ist, haben sie den Humor – oder hat der Humor sie? Dafür wissen viele Leute, wann der Spaß aufhört; sie sagen: Spaß beiseite! Warum muss der Spaß beiseite sein? Und hat der Humor Grenzen? Der Humor fragt sich nicht, ob er an eine Grenze gerät. Und wie respektlos sollte man sein? Das hat ja einen Sinn, dass man an den Autoritäten kratzt. Insgesamt sitzen wir auf einem unheimlichen Schatz menschlicher Lächerlichkeit.

Du hast mal gesagt, dass du ganz naiv in deine Karriere reingestolpert bist. Was kommt mit den Jahren an die Stelle dieser Naivität? Weil, eine Naivität kann man sich ja nicht erhalten.
Doch. In einer gewissen Weise schon. Ich muss mich über die Situationskomik genauso freuen können wie jeder andere auch. Und das nenn ich naiv: dass du selber eine Gaudi hast dabei. Nicht, dass du es sezierst und dann dozierend weitergibst. Ich muss selber die Freude haben und dazu, mein ich, ist eine gewisse Naivität notwendig. Weil nur dann bin ich erstaunt. Und Staunen ist ein Wert an sich.

Du bist als Satiriker ja Autodidakt.
Des is ma immer.
… und du machst das Geschäft seit ungefähr 1975. Würdest du sagen, dass man im Lauf der Zeit in seiner Arbeitsweise professioneller wird?
Naa, eigentlich nicht. Die Frage ist, hast du das Auge dafür oder das Gehör? Fällt mir etwas auf, was dem anderen nicht auffällt? Das nenne ich Froschperspektive. Dass du halt was siehst, was anderen Leuten nicht auffällt.

Aber du hast, wie du selbst sagst, viel von anderen gelernt, zum Beispiel Dieter Hildebrandt.
Der hat mir viel mitgegeben. Die – auch wenn es geschwollen klingt – Ökonomie der Geschichte. Da hat der ein gutes Gespür gehabt. Eine Rhythmik des Erzählens. Die Pausen spielen eine große Rolle und die Wiederholung. Dass du darauf achtest, dass die Wiederholung nicht zu viel wird, aber auch nicht zu wenig. Und da hab ich stundenlange Gespräche gehabt mit dem. Mit vielen Leuten.

Sind die Themen eher zeitlos? Oder sagt man eher: Die Themen werden andere?
Die Themen werden andere, weil die Bedingungen andere sind. Ein Krankenhaus von heute ist nicht mehr wie ein Krankenhaus vor 50 Jahren. Und es gibt bestimmte Menschen so nicht mehr. Weil wir hier im Wirtshaus sitzen – die Leute, die früher vor 50 Jahren im Wirtshaus waren, die haben Karten gespielt, die haben geschweißelt, die haben Bier getrunken, der eine hat einen Schuh ausgezogen, der andere hat sein Gebiss rausgenommen. Alle diese Situationen sind seltener geworden, weil es diese Wirtshäuser so nicht mehr gibt. Das sind Restaurants. Also finden bestimmte Formen des gesellschaftlichen Lebens an bestimmten Plätzen so nicht mehr statt.

Aber das ist ja schon seit 30 Jahren nicht mehr so.
Aber wenn du mit der U-Bahn fährst und siehst, wie viele die Stöpsel im Ohrwaschel haben oder ins Handy oder Tablet neischauen, dann ist es schon bemerkenswert anders im Vergleich dazu, wie die Leute vor 30, 40 Jahren in der Trambahn gehockt sind.

Aber es muss ja auch etwas gleichbleiben, sonst würde die Tragödie nicht mehr funktionieren.
Es gibt eine bestimmte Komik. Wenn heute ein 17-Jähriger schon in Australien war und dann fragst du: Wie war’s? Und dann sagt der: Schön. Du fragst: Und sonst? Sagt er: Es war sehr schön. Und dann sagst du: War’s warm? Und dann sagt der: Naa, hoaß. Diese Art, lakonisch zu reagieren auf eine Situation – oder hilflos. Oder eine gewisse Begriffsstutzigkeit und alle diese Dinge – die bleiben doch. Geschmacklosigkeit ist doch eine Konstante, Gott sei Dank. Wie sich Leute manchmal kleiden oder wie manche daherreden. Das gibt es nach wie vor. Da können wir uns darauf verlassen. Wunderbar.

Was ist das Schönste an deinem Beruf?
Das ist schwer zum sagen. Also erstens ist es immer schön, wenn ich auf eine Bühne gehen kann und Leute kommen. Zweitens: Du triffst immer Leute, wenn du an einen Ort kommst zum Auftreten. Du erfährst etwas über den Ort. Vom Bürgermeister. Oder von einem Feuerwehrler, der dir erklärt, was sie für Probleme haben. Das ist einfach das Tollste, dass du ein Bild kriegst, was doch in so einer Gesellschaft alles geht. Dass das ein unermesslicher Raum ist. Ich hab mir versucht abzugewöhnen, von diesem Wir zu reden. Wenn jetzt einer sagt: "die deutsche Leitkultur", dann sag ich: Ich weiß gar nicht, was das eigentlich ist. Das wird mir auch keiner genau erklären. Ist man mehr in der Leitkultur, wenn man ein Marmeladebrot isst? Und was für eine Marmelade? Weil die Orangenmarmelade ist ja schon wieder englisch.

Du bedauerst oft den Verlust von Dialekt, von alten Geschäften, alten Handwerksberufen.
Ja.

Aber auf Heimat kann man dich nicht festnageln.
Naa, es ist so, schau her: Viele Leute fahren nach Italien und sagen, wie schön es da ist. Warum? Weil halt da diese Geschäfte sind: eine kleine Polsterei oder ein Schreiner. Oder einer tut an der Vespa umeinander. Weil die da wohnen, wo sie arbeiten. Und das hat sich ja bei uns total zerschlagen. Dadurch, dass München und viele Städte halt ausgeräumt worden sind.

Aber mit dem Wort Heimatverlust hast du nichts am Hut.
Über den Begriff Heimat wird so viel geredet. Ich hab das auch nie als Heimatverlust bezeichnet, sondern das ist ein Verlust. Und das langt ja.

Ist das nicht ein enormes Spannungsfeld: Man lernt Leute kennen, ist an ihnen interessiert, mag sie – und gleichzeitig ist man ein Satiriker, der auch Abgründe darstellt.
Du kennst ja den Spruch: Der Mensch an und für sich ist gut, aber die Leute sind ein Gesindel. Den sag ich mit Leidenschaft, obwohl er nicht von mir ist. A wunderbarer Spruch! Angeblich vom Nestroy. Aber er wird auch dem Valentin zugeschoben. Jedenfalls ist der Spruch gut.

Oder wie du sagst: Der Mensch ist dem Menschen ein Mensch.
Kannst auch sagen.

Du sagst gern, du wärst eigentlich am liebsten Bootsverleiher geworden. Aber das ist doch eher eine Metapher oder?
Naa, des stimmt, des is wahr. Ich war als Kind begeistert. Das hat mir einfach gefallen. Diese Ruhe und das Beschauliche und die Freundlichkeit und das Dasitzen. Und dann hat der Verleiher mich – da unten in Fischhausen – eine Regensburger probieren lassen. Also, ich war begeistert vom Bootsverleih.

Am Sonntag wirst du jetzt 75, wie feierst du?
Ich trinke bestimmt auf alle Fälle a Halbe Bier, ganz sicher. Und ich trinke auch einen Kaffee. Und dann sitze ich und telefoniere mit jemandem. Und wenn ich telefoniert habe, dann trinke ich den Kaffee, wenn er schon kalt ist. Oder umgekehrt: Ich telefonier, nachdem ich einen heißen Kaffee getrunken habe. Also du siehst: Es wird exzessiv.


Der Bayerische Rundfunk feiert Gerhard Polts Geburtstag im Hörfunk am 7. Mai um 16.05 Uhr: "Eins zu Eins, der Talk". Im Fernsehen am 6. Mai, 22.05 Uhr: "Der große Polt – Gemütlichkeit am Abgrund"

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