In Deutschland leiden 1,5 Millionen Menschen an Alzheimer, der häufigsten Form von Demenz. Das Risiko wächst mit zunehmendem Alter. Eine Heilung gibt es bislang nicht.

München -  Am 100. Todestag von Alois Alzheimer wird der Alzheimer-Forscher Christian Haass 55 Jahre alt. Der Biochemiker ist einer der renommiertesten Alzheimerforscher weltweit. Der 54-Jährige leitet das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und ist Professor für Stoffwechselbiochemie an der LMU. Christian Haass hat zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen bekommen und auch das Bundesverdienstkreuz. Die AZ traf ihn in München.

AZ: Herr Professor Haass, kann jeder von uns Alzheimer bekommen?
CHRISTIAN HAASS:
Im Prinzip ja. Überspitzt gesagt, müssen wir nur alt genug werden. In uns allen steckt eine tickende Zeitbombe.

Ist Alzheimer besiegbar?
Davon bin ich fest überzeugt! Wir sind definitiv auf dem richtigen Weg.

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Wann findet man ein Heilmittel?

 

Alois Alzheimer ist schon 100 Jahre tot. Warum dauert es so lange, bis man etwas findet, das die Krankheit stoppt?
Nach seiner Entdeckung ist viele Jahrzehnte lang nichts vorangegangen. Als ich 1990 mit der Forschung begonnen habe, haben wir quasi bei Null angefangen. Das wissenschaftliche Material, das es damals gab, habe ich an einem Wochenende durchgelesen. Wir mussten erst einmal die Moleküle identifizieren. So etwas dauert! In den vergangenen 25 Jahren ist die Alzheimer-Forschung sehr, sehr weit gekommen. Heute wissen wir genau, wie die Krankheit entsteht.

Bislang war nur die Impfung von Mäusen erfolgreich. Wann kommt eine Impfung für Menschen auf den Markt?
Die Maus-Impfung kam im Jahr 2000, damals habe ich auf zwei bis drei Jahre getippt. Wir Wissenschaftler dachten alle, dass wir bald das Licht ausmachen in unseren Labors. Aber das war naiv. Man kann es leider nicht vorhersagen. Wir wissen noch zu wenig über die Nebenwirkungen. Der Antikörper muss erst über viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte, im Gehirn aktiv sein.

Wie muss ein Medikament wirken, das heilt?
Eine Heilung gibt es nicht. Die Gehirnzellen, die abgestorben sind, sind verloren, da kann man nichts mehr machen. Wir bauen darauf, die Zerstörung der Zellen zu stoppen und Menschen frühzeitig zu immunisieren. Diese Amyloide, die die Krankheit auslösen, bildet jeder Mensch. Als ich sie erstmals bei mir und dann auch noch bei meinem Harvard-Professor entdeckt habe, bin ich total erschrocken. Inzwischen wissen wir, dass dieses Enzym auch sehr wichtige Funktionen hat. Entscheidend ist also, dass die Produktion dieses Stoffes nicht vollkommen gehemmt wird, sondern nur reduziert.

 

Isländer von Alzheimer verschont - Laune der Natur!

 

In Island gibt es ein paar Menschen, die trotz hohen Alters von Alzheimer verschont geblieben sind. Woran liegt das?
Ja, dort hat man Familien mit über 100-Jährigen gefunden, die weder Alzheimer noch Demenz hatten. Man hat herausgefunden, dass sie an der Stelle, wo das Amyloid geschnitten wird, eine Mutation haben, die die Produktion um etwa 30 bis 40 Prozent reduziert.

Gibt es dafür eine Erklärung?
Nein, das ist eine Laune der Natur – und für die Forschung ein riesiges Glück. So etwas gibt es extrem selten. Zwei der Familien lebten in Island, eine war nach Finnland ausgewandert.

Wie hat man sie gefunden?
In Island läuft derzeit eine fantastische Studie. Dort wird praktisch das gesamte genetische Material der Bevölkerung erforscht – per Gesetz! Jeder hat einen Blutstropfen abgegeben. Die Isländer leben seit Jahrhunderten sehr abgeschottet und die Stammbücher reichen oft bis ins Mittelalter zurück. Das beides zusammen ist eine Goldgrube für die Forschung. Neulich war der Leiter der Firma deCode Genetics in Heidelberg auf einer Konferenz. Er beendete seinen Vortrag mit dem Satz: „There is no God, there is noch free will, there is only DNA.“ (Es gibt keinen Gott, keinen freien Willen, es gibt nur DNA) Für mich hätte dieser Mann den Nobelpreis verdient. Das Projekt ist 100-prozentig fundiert. Alle Aspekte werden beleuchtet. Es wird sogar untersucht, warum manche gut Kreuzworträtsel lösen können und andere nicht.

Zurück zu Alzheimer: Sie sind davon überzeugt, dass die Krankheit nur sehr früh wirklich bekämpft werden kann – lange bevor erste Symptome auftreten. Wie lässt sich unterscheiden, ob jemand nur zerstreut ist oder schon Anzeichen der Krankheit zeigt?
Alzheimer lässt sich recht gut diagnostizieren, indem man das Hirnwasser untersucht. Es wird aus dem Rückenmark entnommen. Außerdem kann man im Kernspin (MRT) und mit Hilfe der Computertomographie (CT) sehr früh die Veränderungen im Gehirn erkennen.

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Ärzte schirmen ihre Patienten vor der Wissenschaft ab

 

Womit beschäftigen Sie sich momentan?
Derzeit läuft eine weltweite Katalogisierung von Patienten, die erblich bedingt mit 100-prozentiger Sicherheit Alzheimer bekommen werden. Für diese internationale Forschungsgemeinschaft DIAN untersuchen wir momentan 117 Patienten und machen Bio-Marker-Studien. Wir werden die Entwicklung der Patienten genau verfolgen können.

Werden sie auch geimpft?
Ja, das macht ein Konsortium aus mehreren großen Firmen. Die ersten Impfungen gab es vor neun Monaten, allerdings noch nicht in Deutschland. Der Antrag ist aber schon so gut wie durch.

Machen die Patienten bereitwillig mit?
Erstaunlicherweise ist es in Deutschland nicht so einfach. Ich dachte, sie würden sofort mit Freude mitmachen, aber die betreuenden Ärzte schirmen sie teilweise regelrecht ab von der Wissenschaft. Sie meinen, wir würden ihre Patienten als Versuchskaninchen missbrauchen. Das halte ich für sehr gefährlich. Damit nehmen sie diesen Menschen die letzte Hoffnung. Ich kann jedem Arzt nur empfehlen, sich den Kinofilm „Still Alice“ anzusehen. Er ist wissenschaftlich großartig gemacht! Wir haben den Film auch an der Uni gezeigt. Der Hörsaal war proppenvoll – 500 Studenten kamen.

Erleben wir beide noch, dass sich jeder gegen Alzheimer impfen lassen kann?
Ich fürchte, bis dahin sind wir zu alt. Man müsste spätestens in meinem Alter loslegen, wenn man die Krankheit verhindern will. Denn sie beginnt 20 bis 30 Jahre, bevor die ersten Symptome auftreten. Aber bei unseren Kindern müsste es klappen. Dennoch möchte ich vor zu großem Optimismus warnen.

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