AZ-Filmkritik "Lieber Leben" - Das Mehr in mir

Assistenz beim intimen Telefonieren: Pablo Pauly als Benjamin. Foto: NV

"Lieber Leben": Ein heiteres Drama frei nach der Autobiografie des Hip-Hoppers Grand Corps Malade.

Verschwommene Schatten, unbestimmte Lichter, diffuse Geräusche, verzerrte Stimmen. Aus der Perspektive des jungen Benjamin (Pablo Pauly), der an Maschinen und Schläuchen hängt, erlebt man in den ersten Einstellungen totales Ausgeliefertsein, völlige Hilflosigkeit.

Von einer Minute auf die andere hat sich sein Leben geändert. Der Traum von einer Sportkarriere zerschellte, als er nächtens beim Sprung ins Freibad mit dem Kopf auf den Beckenboden aufschlug. Jetzt ist er ans Bett gefesselt, vom Hals abwärts gelähmt. Aber seine Physis leistet Widerstand, bald kann er einen Zeh bewegen und nach Wochen kommt er in die Reha.

Begrenzte Intimsphäre

Privat- und Intimsphäre gibt es nicht mehr, für jeden Handgriff braucht er Unterstützung – vom Telefonieren bis zum aufs Klo gehen. Sein Radius ist begrenzt: der nervig-fröhliche Pfleger, der morgens die Fenster aufreißt, die ungeschickte Krankenschwester, die Stationspsychologin, vereinzelt Besuche.

Erst der Rollstuhl ermöglicht ihm kleine Fluchten. Er ist nicht mehr allein, trifft andere Patienten, die sich trotz Verzweiflung nicht aufgeben, auch schon mal gemeinsam einen Joint rauchen, herumalbern oder gar ausbüxen. Der Rat eines Kumpels: "Du musst anfangen, wie ein Behinderter zu denken."

Unaufdringlich und ohne Betroffenheitsgetue

Seinen Ursprung hat dieses starke Stück Kino im autobiografisch geprägten Roman "Patients" von Hip-Hop-Musiker und Poetry Slammer Grand Corps Malade, der gemeinsam mit Mehdi Idir Regie führt. Wie er seine eigenen Erfahrungen in einer Reha-Klinik verarbeitet, in der er 20-jährig gegen die drohende Lähmung kämpfte, das ist traurig, witzig und gefühlvoll, aber nie sentimental. Unaufdringlich und ohne Betroffenheitsgetue erzählt er davon, sich gegen das Schicksal zu stellen und ein Stückchen Normalität zu ergattern, zeigt den Menschen hinter der Behinderung – und feiert das Leben.

Zum neuen und eingeschränkten Leben gehören auch Freundschaft und Verliebtsein, deprimierende Rückschläge und der unermüdliche Versuch, Teile seines Körpers zurück zu erobern, aber auch seelische Wunden zu heilen.

Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Glück und Seelenschmerz liegen in diesem bis in die kleinste Nebenrolle bestens besetzten "heiteren" Drama nahe beieinander. Kein Tabu wird ausgespart. Humor und Selbstironie helfen über einige harte Situationen hinweg. In dieser bewegenden Hymne an Mut und Menschlichkeit zählen die tröstlichen Momente.


Kino: ABC, Monopol
Regie: Grand Corps malade, Mehdi Idir (F, 112 Min.)

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