AZ-Filmkritik "Happy Burnout": Anarcho-Nervensäge

Kuckuck, hier kommt das Chaos! Wotan Wilke Möhring als Fussel und Anke Engelke als Therapeutin Alexandra. Foto: Georges Pauly

Chaotischer Alt-Punk trifft auf brave Therapiegruppe: "Happy Burnout" ist eine Komödie mit Wotan Wilke Möhring.

Wer in der heutigen Arbeitswelt nicht mehr reibungslos funktioniert, wird schnell ausgesondert. Vom Büro in den Burnout ist es oft nur ein kleiner Schritt. Diese Probleme hat der lebenslustige Alt-Punk Fussel (Wotan Wilke Möhring) aus dem Hamburger Schanzenviertel aber gerade nicht: Er hat nämlich noch nie gearbeitet.

"Sie beziehen Hartz IV, seit es Hartz IV gibt", bilanziert seine immer noch sehr verständnisvolle Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt trocken. Dies kann so nicht weitergehen. Also wird Fussel krankgeschrieben und zur Burnout-Therapie auf ein nobles Anwesen geschickt. Hier mischt der coole Anarcho mit der frechen Schnauze die sehr sedierten Mitpatienten ordentlich auf.

In ihrer kurzweiligen Culture-Clash-Komödie "Happy Burnout" zielen Regisseur André Erkau ("Das Leben ist nichts für Feiglinge") und sein Drehbuchautor Gernot Gricksch auf den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Über weite Strecken gelingt ihnen die Gratwanderung zwischen Seelen-Elend und Humor.

Die ausgebrannten Insassen der Klinik werden nicht denunziert oder lächerlich gemacht, sondern als Menschen mit ihren Macken ernst genommen. Zum Ende hin wirkt diese hochkarätig besetzte Komödie mit ernsten Untertönen dann allerdings etwas zu sehr auf Harmonie gebügelt – da verpufft der ruppige Anarcho-Charme, und es macht sich Rührseligkeit breit.

Als der chaotische Fussel in die Nobelklinik einfällt, wird der Therapeutin Alexandra (Anke Engelke) schnell klar, dass dieser Typ nicht an Burnout leidet, sondern eine hyperaktive, respektlose Nervensäge ist, die den anderen Patienten sichtbar gut tut.
 

Hier feiert ein Film den Charme des Unangepassten

Der todtraurige Kinderclown Datty (Kostja Ullmann) entdeckt das Lachen wieder, die völlig überforderte Helikopter-Mutter Merle (Julia Koschitz) lässt mal los, und der leergelaufene Turbo-Yuppie Anatol (Torben Liebrecht) findet in dem Leistungsverweigerer Fussel genau den Gegenspieler, den er dringend braucht.

Eine richtige Freundschaft entwickelt sich zwischen dem Alt-Punk und dem buchstäblich ausgebrannten Sonnenstudio-Manager Günther (Michael Wittenborn), der mit Fussels Hilfe neuen Lebensmut fasst. Dabei sind es vor allem die pointierten Dialoge und Wortgefechte, die André Erkaus Film zu einem kurzweiligen Vergnügen machen. Mit viel Spaß am Provozieren stiefelt Wotan Wilke Möhring durch die blitzblanke Kurklinik mit Schlossgraben und englischem Rasen und lässt dabei kein Fettnäpfchen aus.

Anke Engelke im braven Schwesternlook hat alle Mühe, den strubbeligen Chaoten etwas auf Linie zu bringen. Aber dann erliegt auch sie dem Charme des Unangepassten. So feiert diese nette, aber nicht tiefschürfende Komödie genüsslich die Anarchie des Alltags – bis zum erwartbaren Happy End.


Kino: Arri, Cinemaxx, Mathäser

R: André Erkau (D, 103 Min.)

  • Bewertung
    70

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