AZ-Filmkritik "Grießnockerlaffäre": Obacht Kreisverkehr!

, aktualisiert am 03.08.2017 - 11:29 Uhr
Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel, li.) und Rudi Birkenberger (Simon Schwarz) legen sich auf die Lauer – und Hund Ludwig schaut traurig. Foto: Bernd Schuller/Constantin Film Verleih/dpa

Die bayerische Filmkomödie "Grießnockerlaffäre" von Ed Herzog nach dem Roman von Rita Falk setzt auf Altbewährtes.

Dem niederbayerischen Dorfpolizisten Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel) geht es in Ed Herzogs "Grießnockerlaffäre" dieses Mal richtig an den Kragen: Erst bedrängt ihn seine flotte Lebensgefährtin Susi (Lisa Maria Potthoff) bei der Beerdigung ihrer Großmutter, sie doch endlich zu heiraten. Und dann gerät Franz bei einer feucht-fröhlichen Polizisten-Hochzeit mit seinem schikanösen Vorgesetzten und erklärten Erzfeind Barschl (Francis Fulton-Smith) so heftig aneinander, dass er Letzteren im Beisein seiner Kollegen mit der Waffe bedroht, nachdem ihm dieser einige Stunden zuvor den Kopf gegen die Toilettenwand geschlagen hat.

Pech nur für Franz, dass Barschl kurz darauf mit Franz’ Messer im Rücken aufgefunden und er selbst, stark alkoholisiert, von einem schwerbewaffneten SEK-Kommando aus dem Schlaf gerissen wird. Franz Eberhofer gilt fortan als Hauptverdächtiger im Mordfall Barschl: Daran lässt die eigens aus der Stadt nach Niederkaltenkirchen beorderte Kommissarin "Thin Lizzy" (Nora Waldstätten) – eine Mischung aus kühler Bürokratin, sauertöpfischer Bissgurke und Femme fatale – keinen Zweifel.
Da ist es für Franz ein Segen, dass ihm sein Alt-Hippie-Vater (Eisi Gulp) mit einem frei erfundenen Alibi aus dem Schlamassel hilft und ihm sein Kollege und Freund Rudi Birkenberger (Simon Schwarz) zur Seite springt, um den Fall aufzuklären.
Bei ihren eigenmächtigen Ermittlungen stößt das Ermittler-Duo dabei auf zwei mysteriöse Frauen, die sich wie Tag und Nacht voneinander unterscheiden, aber auf rätselhafte Weise miteinander in Verbindung zu stehen scheinen: auf die bigotte Bauerntochter Annemarie Hausladen (Franziska Singer), deren Vater sich bei einem Treppensturz den Hals bricht, während sie selbst sich auf einer Pilgerreise in Lourdes befindet. Und auf die russische Ex-Prostituierte Ivana Barschl (Lilith Stangenberg), die Gattin des Ermordeten, die nach dem Tod ihres Mannes von ihrer Vergangenheit im Milieu eingeholt und von einem ehemaligen Zuhälter erpresst wird.
Regisseur Ed Herzog und Produzentin Kerstin Schmidbauer haben erneut einen Niederbayernkrimi von Bestsellerautorin Rita Falk als Vorlage für ihren Film gewählt, um an ihre erfolgreiche, immerhin 1,6 Millionen Zuschauer mobilisierende Film-Reihe "Dampfnudelblues", "Winterkartoffelknödel" und "Schweinskopf al dente" anzuknüpfen.

Dem Zuschauer sind die Marotten der bauernschlauen Einwohner bereits vertraut

Das grobschlächtig-rustikale Ambiente des niederbayerischen Kaffs Niederkaltenkirchen ist dem Zuschauer darum ebenso vertraut wie die Marotten seiner bauernschlauen Einwohner, der diskrete Charme einer in die Jahre gekommenen Rocker- und Press-span-Ästhetik oder die schon legendären Eberhoferschen Wirtshausszenen.
Alles scheint sich auf bewährten Bahnen zu bewegen und seine gewohnten Kreise zu ziehen, wie ein Auto im Kreisverkehr. Doch der Kreisverkehr als Symbol für diese provinzielle Welt ist von einer brisanten Doppeldeutigkeit, die der Film glaubhaft veranschaulicht. Er ist nicht nur Sinnbild für eine kreisförmige Einbahnstraße, die nach Zuhause und zu vertrauter Umgebung zurückführt, sondern auch ein Ort des Auf- und Tabubruchs, der Wege in die Ferne weist und exotische Welten erschließt. Eine energetisch geladene Freizone, die den Blick über den Hutrand menschlicher Beschränktheit zu erheben vermag.
So etwa, wenn auf dem szenischen Höhepunkt des Films, Dorfpolizist Franz, wieder einmal betrunken, einen meterlangen Blumentrog an seinen Polizeiwagen hängt und seine Saufkumpane in einer wahnwitzigen Bobfahrt durch den Kreisverkehr wirbelt, als gelte es, die Bräuche und Konventionen seiner konservativen Heimat außer Kraft zu setzen und seine Landsleute in eine neue Wirklichkeit zu katapultieren.

Von daher betrachtet, ist die "Grießnockerlaffäre" gehaltvoller, als sie es auf den ersten Blick vielleicht zu sein scheint, auch wenn sie ihren Titel einer eher beiläufigen Nebenhandlung verdankt: der Rückkehr von Oma Eberhausers Jugendliebe Paul (Branko Samarowski), der sich im Eberhofschen Familienidyll wie eine Made im Speck breitmacht und – zum Leidwesen von Franz und seinem Vater – Schuld daran trägt, dass es fortan nur noch Grießnockerlsuppe gibt.
Ein Kinospaß, der vor allem Bayern mit Tränen treibender Kraft die unwirsche Grobschlächtigkeit und gewitzte Instinktsicherheit ihres Volksstamms vor Augen führen dürfte.


Regie: Ed Herzog (D 2017 99 Min.)

Kinos: Cinema Lounge im Bayerischen Hof, Cadillac, Cincinnati, Cinemaxx, Filmtheater Sendlinger Tor, Gloria Premium Palast, Kino Solln, Leopold 1-3, Mathäser, Neues Rex, Rio Filmpalast, Royal-Filmpalast

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