AZ-Filmkritik "Freiheit" - Die Freiheit nehm' ich mir

Nora (Johanna Wokalek, li.) besucht ihre Freundin Etela bei der Arbeit. Foto: FKT

Jan Speckenbach orientiert sich an Ibsens Stück "Nora" und zeigt in "Freiheit" eine Frau, die urplötzlich ihre Familie verlässt.

Eine Frau will nur kurz vor die Tür gehen und verschwindet, lässt einfach Mann und zwei Kinder zurück. Nora will nicht mehr nur funktionieren. Dabei schien alles so easy für das Paar, beide Anwälte in Berlin. Zwei Existenzen, die auseinanderdriften. Er will Routine, sie Freiheit, ohne genau zu wissen, was diese bedeutet.

Ein One-Night-Stand in Wien, Weiterreise nach Bratislava, Freundschaft mit einer slowakischen "Sexperformerin", deren Mann ihr einen Job im Hotel besorgt. Das Leben geht seinen Gang, die Sehnsucht bleibt.

Jan Speckenbach stellt das tradierte Familienmodell in Frage, bezweifelt seine Gültigkeit. Dabei springt er in der Handlung vor und zurück, konzentriert sich nicht auf zwei Schicksale, sondern arbeitet sich noch an Themen wie Asyl und rassistische Straftaten ab. Dadurch verliert die Geschichte ihren Fokus. Johanna Wokalek als Frau, die das Gefühl für Liebe schon lange verloren hat, spielt mit stiller Präsenz.


Johanna Wokalek im AZ-Interview: Die 42-Jährige aus Freiburg (Breisgau) wurde durch "Hierankl" von Hans Steinbichler dem Publikum bekannt, war "Die Päpstin" und Burgtheaterschauspielerin.

Sie hat ein Faible für Frauenfiguren, die trotz innerer Zerbrechlichkeit Stärke beweisen. In Jan Speckenbachs Drama sucht sie als Nora nach "Freiheit", verlässt ihre Familie und das traute, harmonische Puppenheim ohne Erklärung. Aus dem falschen Lebensentwurf zieht sie Konsequenzen, auch wenn es weh tut. Wie ihre Filmheldin will auch Johanna Wokalek immer wieder Aufbruch spüren.

AZ: Frau Wokalek, ist Nora wirklich eine starke Frau?
JOHANNA WOKALEK:
Auf jeden Fall. Henrik Ibsens Theaterstück "Nora oder Ein Puppenheim" endet damit, dass sie die Tür zuschlägt und geht. Ich fand die Frage, was ist das eigentlich für eine Frau, wo geht sie hin, spannend. Die Filmfigur ist stark, weil sie tut, was sie fühlt und am Ende die Familie ohne Begründung tatsächlich verlässt.

Kann man Weggehen nicht auch als Schwäche deuten?
In der Schlussszene, die eigentlich am Beginn der Geschichte steht, sieht man ein trügerisches Glück: die Familie, Mann, Frau und zwei Kinder und alles wirkt gut. Aber es ist eben nicht alles gut. Es geht um eine Lebenslüge. Lebe und bleibe ich in derselbigen für die Kinder und für den Mann? Lebe ich diesen Alltag ohne Gehalt für mich oder ziehe ich die Konsequenzen und gehe? Eine unglaublich egoistische Haltung. Aber in diesem Egoismus liegt auch eine große Kraft und Stärke. Sie folgt ihrer Utopie, sucht einen Neustart und Freiheit, auch wenn sie diese in ihrem neuen Leben nicht so findet.

Einen gewagten Neustart legten Sie hin, als Sie das Wiener Burgtheater ohne ein neues Engagement verließen.
Das Künstlerische muss in mir als Schauspielerin lebendig bleiben. Das ist das Wichtigste. In dem Moment, wo diese Lebendigkeit aufhört, bleibt diese Institution, so toll sie auch sein mag, plötzlich nur eine Institution. Ich musste deswegen weggehen und aufbrechen, um nicht zu ersticken. Das Burgtheater war nach 15 Jahren nicht mehr das, was ich mir vorstellte. Alles war Routine. Ich wollte das Leben nicht verpassen und es noch einmal in anderen Zusammenhängen erfahren. Aber es ist doch immer so: Man schlägt Türen zu und es öffnen sich andere. Jede Krise birgt einen neuen Anfang.

Sie verkörpern oft starke und extreme, gleichzeitig auch zerbrechliche Frauenfiguren wie Gudrun Ensslin in "Der Baader Meinhof Komplex", "Die Päpstin" oder die Jeanne d‘Arc in der Inszenierung an der Frankfurter Oper.
Es muss etwas in mir anklingen, wenn ich ein Drehbuch lese. Da muss ich eine Fantasie entwickeln können, eine Neugierde. Aber es kommt nicht nur auf die genannten Aspekte an. Ein Mensch ist nie immer nur stark, sondern immer wieder gespiegelt von Fragilität. Stärke entwickelt sich aus Schwäche heraus.

Bringen Sie die Filmfiguren manchmal zum Nachdenken?
Alles bringt mich zum Nachdenken. Ob Gudrun Ensslin mit ihrem Lebensverlauf und ihren Entscheidungen oder Nora. Diese Nora ist ununterbrochen mit sich in einem Dialog und stellt Fragen an sich und an die Welt. Ich habe viel über sie nachgedacht und überlegt, inwieweit Freiheit überhaupt lebbar ist. Was stellen wir uns unter Freiheit vor? Ist die nicht immer ein Kompromiss? Jeder empfindet Freiheit anders.

Was heißt in dem Zusammenhang Emanzipation für Sie?
Dass ich frei und selbstbestimmt leben kann. Aber auch dass ich wachsam sein muss.

Heute trennen sich mehr Frauen von ihren Männern als umgekehrt. Eine neue Freiheit?
Interessant finde ich dieses gängige Bild vom Mann, der wie selbstverständlich Kinder und Frau verlässt. Einer Frau billigt man das nicht zu. Das gilt als untragbar. Mütter dürfen nicht laut sagen, dass sie nicht gerne Mütter sind. Obgleich in unserer Gesellschaft sonst alles laut gesagt wird, zählt dies noch zu den Tabus.

Gibt es eine Rolle, die sie rigoros ablehnen würden?
Das kann ich so nicht sagen. Der Kniff liegt darin, etwas mit Lust zu spielen. Dass man die Figur liebt und für verteidigungswert hält.

Was ist "kribbeliger"? Film oder Opernbühne?
Ich würde gerne beides machen, bin zu neugierig auf Begegnungen mit anderen, auch Musikern und Komponisten. Das sind so ganz andere Menschen mit einem anderen Blick auf die Welt. Die Gespräche sind anders, die Fantasie ist eine andere. Auf den verschiedenen Plattformen herrscht ein großer Reichtum, darauf möchte ich nicht verzichten und mich nicht nur auf eine reduzieren. Man kann das eine nicht gegen das andere ausspielen. Beim Film fasziniert mich diese Intimität und Nähe mit der Kamera. Da gibt es etwas, was ich so am Theater nicht habe. Dieses Wissen, dass die alles sieht, dieses große Auge, empfinde ich wie einen heimlichen Verbündeten.


Kino: Monopol; Buch & Regie: Jan Speckenbach (D, 102 Min.)

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